Giselle oder die laszive Erfindung der Hysterie
Augustine
Das Amphitheater ist gefüllt bis hinauf in den letzten Rang. Kurz vor Beginn der Vorstellung betritt der Dompteur die Arena, von sechs bis acht Assistenten begleitet. Projektionsapparate werden justiert, Protokolle sortiert. Dann haben die Darstellerinnen ihren Auftritt – Frauen jeden Alters, Schöne und Hässliche, ausgemergelte Gestalten, verführerische Nymphchen. Die ungekrönte Königin der Menagerie heißt Augustine, eine 16-Jährige mit wallendem Blondhaar, draller Figur und lieblichem Gesicht.
Augustine kann sich irrwitzig verbiegen und präsentiert zum Entzücken des Publikums alle Posen von somnambuler Trance und Erstarrung über gewalttätige Drohgebärden bis hin zu ekstatischen Verrenkungen. Was sie dabei empfindet, gibt Augustine auf Verlangen ihrer Betrachter zu Protokoll: «Ich war immer mit meinem Geliebten zusammen; meine Gedanken waren nur bei ihm, wo immer ich hinging, schien er mich zu sehen, zu hören und zu rufen. In den Momenten, wo ich alleine war, machte ich mich daran zu überlegen, wie ich es anstellen könnte, ihn zu lieben und ihn zu besitzen, so wie ich wollte; … aber wie mir schien, sagte er ‹Nein›; so war ich verwirrt, wütend über diese Antwort … ich ...
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