Gera, Altenburg: Silvana Schröder «Forever Lennon»

Zwei Jahre, dann hatte Silvana Schröder die größte Klippe umschifft. Und die hieß: Yoko Ono. Wer einen Abend über John Lennon machen will, kriegt es auf jeden Fall mit der Witwe des Ex-Beatle zu tun, die sehr genaue Vorstellungen davon hat, was sie sehen will und was nicht.

Im zweiten Anlauf hat Schröder, Direktorin des Thüringer Staatsballetts, die streitbare Yoko Ono von ihrem Konzept überzeugen können: kein Biopical, sondern eine Hommage an die friedensbewegte Flower-Power-Ära und einen Musiker, der ihren Sound geprägt und (nicht nur, aber auch) der staatskritischen DDR-Jugend Freiheits-, Liebes und Revoluzzerlieder in die Ohren blies. Deshalb hat Andreas Auerbauch für «Forever Lennon» eine Grenzanlage auf die Bühne gebaut: Beton, Stacheldraht, Schockbeleuchtung – Spielfläche für das Thüringer Staatsballett samt Eleven, für knapp 30 Tänzer aus aller Welt. 

Silvana Schröder lässt keinen Zweifel daran, dass es ihr nicht um eine nostalgische Veranstaltung geht, sondern ums Hier und Heute. Um die Frage, wie wir mit Freiheit umgehen, mit Fremdheit, mit Vielfalt in jeder Hinsicht. Ihre Choreografie schnurrt, kickt, schlenzt, schleicht und sprintet durch einen gut zwei Dutzend Songs umfassenden Lennon-Kosmos, den Johnny Silver mit seiner dreiköpfigen Band in psychedelische Klangfarben taucht. Die Tänzer verlängern diese Schwingungen in ein Bewegungspanorama, das im Auf und Ab kraftvoller Hebungen und mit superdynamischen Drehwirbeln dokumentiert, was ganz grundsätzlich an Machtansprüchen – welcher Natur auch immer – kratzt: Selbstbehauptung, Widerspruchsgeist, Wehrhaftigkeit. Bruchlos fügen sich Liebes- und Eifersuchts-, Demonstrations- und Stasi-Szenen aneinander. Hoffnung auf bessere Zeiten ist der Kitt, der diese Jugend zusammenhält. Was klarmacht: Der Klimakiller-Protest schulschwänzender «Fridays for Future»-Aktivisten ist nichts anderes als die ökologisch gewendete Hippie-Parole, ein «Make love, not war», das dem Mutterschiff Erde gilt.

«Forever Lennon» ist ein präzise durchdachter, fabelhaft getanzter, mitreißend komponierter Abend – einer, der Menschen fürs Theater entflammt. Dass wir heute eigentlich keine Mädels in Hotpants mehr sehen wollen, wenn die Kerle Jeans tragen – geschenkt. So viel Zeitkolorit darf schon noch sein, zumal uns Silvana Schröder am Ende zwingt, jede Selbstgefälligkeit fahren zu lassen: «Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.» Mahatma Gandhis Mahnung, auf den Eisernen Vorhang projiziert, bleibt stehen. Und fließt erinnerungshalber mit den Bildern einer berührenden Aufführung zusammen. 

Wieder Gera, Großes Haus, 19., 20. Okt.; Altenburg, Theaterzelt, 26., 29. Okt.; 21. Nov., 19., 27. Dez.; www.tpthueringen.de 


Tanz Oktober 2019
Rubrik: Kritik, Seite 48
von Dorion Weickmann