Gedoppelter Gruppenevent
Am Ende sieht er in jedem Jungen seinen Mann. Noch singt Hedwig Fassbender, für ihren erkrankten Kollegen François Le Roux eingesprungen, ihr «Ewig, ewig», als Tim verzweifelt aufblickt. Er traut seinen Augen nicht. Eben hat er sich von John «verabschiedet», steht der schon wieder leibhaftig vor ihm: als Barkeeper, der ungerührt seine Gläser putzt.
Wer immer das «Lied von der Erde» in der Modellversion Kenneth MacMillans in Erinnerung behalten hat, wird sich unwillkürlich fragen, ob das geht: Gustav Mahlers grandiose Gesangskomposition so auszudeuten – als Liebesgeschichte zweier Jungen bis zum Tod? Bertrand d’At, seines Zeichens Direktor des Ballet du Rhin im elsässischen Mulhouse, erbringt den Beweis: es funktioniert, sogar bestens. Inspiriert von der Novelle «Holding The Man», die Timothy Conigrave im Epilog als posthumen Brief an einen verstorbenen Freund diktiert, entwickelt er «Le Chant de la terre» in der Straßburger Oper als typische Aids-Tragödie unserer Tage. Stürmisch der Beginn, schier überschäumend vor lauter Bewegungslust das «Trinklied vom Jammer der Erde». Nicht weniger sportiv choreografiert der zweite Satz, den d’At nicht als «Einsamer im Herbst» interpretiert, ...
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Nein, das ist es noch nicht. Die Tänzerin steht zu weit vorn. Ein paar Schritte weiter nach hinten, korrigiert der Choreograf Javier Latorre, derzeit der wohl bekannteste Flamencoregisseur. Und von dort dann nach vorn, mit Kraft in die Drehung, die sich in sanftem Schwung auflöst. Zurück, ein neuer Versuch, dann ist der Meister zufrieden. «¡Eso es!», «Das ist es!»,...
Wagner Schwartz zieht über seinen nackten Körper eine Schürze, bindet sie sorgfältig am Rücken zusammen, breitet akkurat die drei Meter Stoffbahn, aus der die Schürze besteht, auf den Boden aus und lässt sich selbst mit nacktem Popo auf diesen nieder. Kapriziös und anmutig wie eine japanische Geisha. In der nächsten Viertelstunde wird Wagner Schwartz eine Flasche...
Ist es vorbei? Soll ich, so der Tänzer und Choreograf Xavier Le Roy in der Einleitung der von ihm zusammengestellten Diskussionsrunde, mir hier mein eigenes Grab graben? War da was: eine einheitliche Bewegung, ein Stil, eine Richtung, die den zeitgenössischen Tanz und die Performance der letzten zehn Jahre ausgezeichnet hätte? «Inventory: Dance And Performance»...
