Frivole Feen

Das Kind wird geklaut, der Schlaf aus der Handtasche gezaubert: Christian Spucks eigenwilliges «Dornröschen» beim Ballett Zürich

Kein Laut. Alles schläft. Nur die drei Nornen sind allgegenwärtig, langhaarig, bärtig, in weißen Tutus auf ihren Stühlen sitzend: «Ladies of Time», wie Christian Spuck sie nennt, die im weiteren Verlauf des Abends immer wieder Uhren aus den Taschen ihrer schwarzen Fräcke hervorziehen, um zu wissen, wem die Stunde geschlagen hat. Die hohe Flügeltür öffnet sich, und auf Zehenspitzen schleichen sich König und Königin in den Saal, in dem die Feen ihre Zöglinge hüten.

«Im Feenreich», so liest man mit Erstaunen im Programmheft, «denn dort werden die Säuglinge zu den Menschen gebracht – stehlen sie ausgerechnet jenes Mädchen, das der Obhut der Fee Carabosse anvertraut ist.»

Etwas voreilig, müsste man konsequenterweise sagen. Insofern allerdings verständlich, als das hohe Paar keine Kinder hat und «darüber gar sehr betrübt» ist, wie es in den «Contes du temps passé» von Charles Perrault heißt, die nicht nur dem «Dornröschen»-Ballett als Vorlage dienen. Spezielle Bäder, Gelübde und Geschenke helfen nicht, wie es da weiter heißt, den verständlichen Kinderwunsch zu befriedigen. Bleibt bloß besagter Raub, und der rächt sich bitterlich. Während die anderen Feen wenige Augenblicke später ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2020
Rubrik: Produktionen, Seite 6
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
Sichere Finanzierung: Dresden Frankfurt Dance Company

Hessen und Sachsen, Dresden und Frankfurt – sie unterhalten seit über einem Jahrzehnt eine Tanzkompanie: geleitet zunächst von William Forsythe, seit 2015 von Jacopo Godani. Jetzt rücken verstärkt die Chancen von Koproduktionen und Kooperationen ins Blickfeld der Company. Jacopo Godani hat für den Abend «Zeitgeist Tanz» keinen Geringeren als Marco Goecke...

Leichte Muse, großer Blues

Ein kurzer Moment der Erlösung: Die kleine Frau schmiegt sich an die Brust der großen, beider Haarknoten schimmern im Licht, das von oben auf ihre Silhouetten herabfällt. So stehen sie, Schwestern, Liebende, Freundinnen, Leidensgenossinnen – was auch immer. Es ist egal. Sie haben den einen, den flüchtigen Augenblick erwischt, in dem sie einander alles geben, sagen,...

Der Lehrer: Nicholas Palmquist

Sie wurden von Tanz ist KLASSE!, dem Education-Programm des Staatsballett Berlin, eingeladen, in zwei separaten Workshops (1. und 15. November) mit Profis und Amateuren eine Choreografie zu erarbeiten. Eine erfreuliche Abwechslung in Zeiten von Video-Kon­ferenzen und Abstandsverordnungen ... Allerdings. Es ist leichter, sich mit Bewegungen auszudrücken als mit...