Frida & Frida
Dass Frida Kahlo in vielerlei Hinsicht eine blühende Fantasie besaß, weiß heute jede*r. Aber dass sie einmal solche Show-Formen annehmen könnte, hätte sich die mexikanische Künstlerinnen-Ikone nicht mal in ihren kühnsten Träumen vorstellen können. Und Kahlo träumte exzessiv – nicht nur als die anerkannte Malerin, als die wir sie kennen, sondern schon als Kind, während sie eine Polio-Infektion monatelang ans Bett fesselte.
Das ist auch in der Young Show des Friedrichstadt-Palastes so.
Eben hat Frida noch maskentragend bei einem Straßen-Wrestling den Sieg über einen angeberischen Diego davongetragen, da lähmt ein Bein ihre kaum zu bändigende Kraft. Ihre Fantasie lässt sich hingegen nicht so leicht lähmen. Zurückgeworfen auf sich selbst und ein beklagenswertes Schicksal, schafft sie sich träumend ein Alter Ego – und schon bricht Frida Fantasía herein in ihre sonst eher überschaubare Welt, auf einem gigantischen Blumenbukett thronend und auch sonst alle bildhaften Vorstellungen sprengend. So und nicht anders kann es sein in einer Show, die sich erklärtermaßen an Kinder und Jugendliche richtet. «Frida & Frida» nennt sie sich, erstmals inszeniert von der libanesischen Choreografin und Regisseurin Jouana Samia unter Mitwirkung eines internationalen Teams. Frauenfeindlichkeit, Fremdenhass, Mobbing, Behinderung kommen nicht nur nebenbei zur Sprache. Auf geradezu mitreißende Weise werden sie auch besungen. Mehr noch: die rund 250 Mitwirkenden im Alter von sechs bis sechzehn Jahren, Absolvent*innen der Kyiv Municipal Academy of Performing and Circus Art mit eingeschlossen, legen dabei ein Engagement an den Tag, als wäre die programmierte Problemstellung nicht nur für Frida, sondern für alle Beteiligten ein Kinderspiel.
Nach anderthalb Stunden wird Frida, scheinbar geheilt an Körper und Seele, aus dem imaginären Krankenhaus entlassen. Dass ihr Lebensund Leidensweg noch nicht zu Ende ist, kann man in Berlin nur ahnen. Und das ist gut so.
Bis 31. Januar, wieder ab 20. November; www.palast.berlin
Tanz Januar 2025
Rubrik: Kunstträume, Seite 16
von Hartmut Regitz
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