Fracksausen
Angst ist ein schlechter Ratgeber, heißt es. Tatsächlich kann sie besonnenes Nachdenken, Abwägen, Urteilen verhindern. Doch vergessen wir nicht, dass Angst der erste Ratgeber der Menschheit war. Mehr noch: Sie ist die Elementarform von Gedächtnis. Etwas als Gefahr wahrnehmen heißt: Es erinnert an schon Erlebtes. «So etwas soll mir nicht noch einmal passieren», sagt die Angst. Als gedächtnisgestützter Gefahrenvermeidungsmechanismus hat sie begonnen. Vernunft ist kaum mehr als in Umsicht und Urteilskraft übersetzte Angst.
Vor Covid-19 Angst zu haben, ist völlig vernünftig. Das Virus erinnert an sämtliche Epidemien, die es schon gab: von der Pest bis zur Influenza von letztem Jahr. Es macht bewusst, was wir allzu gern verdrängen: dass die uralte Seuchenanfälligkeit immer noch nicht überwunden ist – aller Hochtechnologie zum Trotz. Corona-Viren gibt es schon lange. Aber Covid-19 ist anders als die anderen: hoch infektiös, für etliche Prozent der Infizierten tödlich und in seinen Eigenschaften noch viel zu wenig bekannt. Gefahren, die keine fassbare Gestalt annehmen, sind besonders angsterregend. Daran ist nichts Irrationales.
Berechtigten Anlass zur Angst geben auch die ...
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Tanz Juli 2020
Rubrik: Corona-Krise, Seite 10
von Christoph Türcke
Frédéric Tavernini, ein Tänzer betritt die nackte Bühne, ein Körper aus Fleisch und Blut trifft auf Beton und Plastikboden. Was passiert? Ein Schock, würde ich sagen, weil der Theaterraum dir als Tänzer befiehlt, eine Projektionsfläche zu sein, damit du das Publikum durch deinen Körper soghaft in eine andere Welt entführst. Du sollst ein Emotionsfahrzeug sein,...
Braunschweig, Düsseldorf: Kreativzeit für Festivals
«A Sea of Islands» nennt die unerschrocken-kluge Kuratorin Martine Dennewald ihre letzte Ausgabe der Braunschweiger «Theaterformen». Wer nicht anreisen kann, wird nicht ausgeladen – wie Eko Supriyanto aus Jakarta, dessen Inszenierung «Ibuibu Belu: Bodies of Borders» auch online Aufmerksamkeit erregt. Wer da sein...
Zunächst sieht es aus wie alle YouTube-Videos der Tänzer während der Corona-Krise. Das Auge bleibt an den Postkarten an der Wand hängen, am Muster des Laminatbodens. So intensiv sich die Tänzer auch für ihren einzigen Zuschauer, die Kamera, bewegen, die Enge ihrer Wohnung begrenzt doch irgendwann den Bewegungsradius, und das Sehnen nach der Weite der Bühne liegt in...
