fleisch gottes

Kein Gebet ohne eine choreografierte Ordnung, keine religiöse Offenbarung ohne Ermahnungen an den Körper, damit wir die Macht der Religionen am eigenen Leib spüren.

Christoph Schlingensief filmte in seinem letzten Blog einen nackten Krebs-Bestrahlungsraum und schnaufte ins Mikrofon, es handle sich um das Innere der Kaaba. So sehe die Zukunft der Weltreligionen aus. ­Alle hätten sich verzogen, und demnächst werde im Vatikan aufgeräumt. Glaubte er.

Die Sehnsucht, in einer höheren religiösen Ordnung aufzugehen und alles, was einen täglich umgibt und belastet, zu transzendieren, wird auch bei denen, die dem Tod nicht ins Auge sehen, längst immer größer. Der Anschluss an eine Religion geschieht nicht mehr schamhaft.

Sie wird immer öffentlicher herausposaunt. Das Projekt «Moderne» – die Verwirklichung jedes Einzelnen aus sich selbst heraus – wird dafür heruntergefahren zugunsten einer Formierung in der Gruppe. Es herrscht Ungenügen an den Sinngebungssystemen der bürgerlichen Gesellschaft. Selbstverwirklichung scheint nicht mehr genug. Der Einzelne möchte sich in seinem Schicksal gleich mit der ganzen Universalität verbunden wissen. Oder auch nur sentimental, klein und regressiv sein dürfen, um Trost zu finden. Im Gottesdienst etwa. Hier verwandle ich mich, ähnlich, wie ich mich auf einer Bühne verwandle. Ich lasse meinen Körper, meinen Beruf, meine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2010
Rubrik: ideen, Seite 60
von Oliver Sturm

Vergriffen
Weitere Beiträge
punk-idol: valeska gert

Die Hälfte des Buchs spricht der Gründer des Berliner Punkprojekts Die Tödliche Doris, Wolfgang Müller, von sich und von Leuten, die er nicht so mag wie Valeska Gert. 83 Jahre alt war die «Grotesktänzerin» und Avantgardistin, als Müller sie 1975 in einer ARD-Talk­show sah. Das war’s schon. Um die bessere Hälfte des Buchs überhaupt schreiben zu können, hört er dem...

münchen: les slovaks «journey home»

Vier dieser slowakischen Herren – Milan Herich, Peter Jaško, Anton Lachký und Milan Tomášik – teilten schon als Kinder die Bühne beim Volkstanzfestival «Východná». Fünfzehn Jahre später trafen sie sich in Belgien wieder. Martin Kilvády, am ersten Studienort der vier in Banská Bystrica geboren, kam hinzu. In Brüssel zogen sie zusammen, gründeten 2006 das...

brügge: december dance

Wenn Janez Janša in «Fake It!» Werkauschnitte von Pina Bausch, Trisha Brown, Tatsumi Hijikata, Steve Paxton und William Forsythe zeigt, gehört er bestimmt zur «No-copyright»-Bewegung. Denn er zeigt die Zitate ungefragt, weil es in bestimmten Regionen Europas keinen Anschluss gibt an die großen Tanzbewegungen. Zu ihnen zählen auch Sasha Waltz und Josef Nadj, auf die...