Fest kulturen
Veitstanz
«Durch Pest, lange Kriege und endloses Unglück zermürbt und im Innersten aufgewühlt», so schreibt Wilhelm Angerstein in seinem 1868 publizierten Buch über «Volkstänze im deutschen Mittelalter», «wälzen sich Scharen Besessener von Ort zu Ort westwärts. Allein oder Hand in Hand kreisen und springen sie in schauerlichem und verrenktem Reigen – stundenlang, bis sie schäumenden Mundes zusammenbrechen. Und wo sie rasen, da greift die hysterische Psychose auf die Zuschauer über, dass sie zuckend und verzerrt in den Kreis treten und unter fürchterlichem Zwang mithalten.
»
Veitstanz, das war das schlimmste Mitmachtheater, das Europa je überfiel. Erst ein zaghaftes Wippen in den Beinen. Dann die Entdeckung, dass der tanzende Körper das schwere Denken und die ernste Sorge vergisst. Den Hunger. Die Trauer. Die Not. Das Tanzen radiert die Wirklichkeit aus. Es folgt die Ekstase. Schaum tritt vor den Mund. Die Augen drehen sich nach innen. «Hysterische Psychose», schreibt Angerstein. Das 14. Jahrhundert erlebte eine eisige Kälte durch Klimawandel, die Pest, die Versorgung brach zusammen. Es ist nachvollziehbar, aber nur schwer vorzustellen: Hunderte Menschen, die sich im Tanz selbst ...
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Ein Rednerpult suggeriert...
