Einfühlsam
Akram Khans Debüt beim Königlich Dänischen Ballett knüpft an den innovativen Ballettstil an, den er beim English National Ballet mit «Dust» (2014, tanz 7/14), «Giselle» (2016, tanz 1/17) und der Frankenstein-Adaption «Creature» (2021, tanz 11/21) entwickelt hat. Ein profundes Gefühl für Otherness prägt die genreübergreifenden Werke des Choreografen.
Weil er indes für «Lady Macbeth», uraufgeführt am Opernhaus Kopenhagen, choreografische Motive aus früheren Arbeiten zitiert und abwandelt, strahlt der Abend eine angenehme Vertrautheit aus. Wo sich in «Dust» Männer an den Ellbogen fassten und eine wellenförmige Linie bildeten, verbinden sich jetzt die Tänzerinnen – was dasselbe einprägsame Bild erzeugt. Eine weitere Parallele besteht zwischen den Wilis in Khans ikonischer «Giselle» und dem weiblichen Corps de ballet, ebenfalls Geistergeschöpfe auf Spitze, die sich in einem endlosen Pas de bourrée bewegen. Neben der Bewegungssprache erweitert «Lady Macbeth» auch Khans erzählerischen Ansatz. Als Reaktion auf die historischen, patriarchal geprägten Sichtweisen präsentiert die Inszenierung einen matriarchalen Blick auf Macbeth und prangert damit die Brutalität toxischer Männlichkeit und Diktatur an.
Khans ausgeprägtes Gespür für das Andere und Andersartige modelliert eine alternative «Lady Macbeth». Die Ereignisse werden aus ihrer Perspektive aufgerollt, zudem bildet sie ein empathisches Gegenstück zu ihrem Gemahl – ganz im Gegensatz zu der ehrgeizigen, machiavellistischen Königsmacherin, die Shakespeare beschrieb. Khans Geschick im Umgang mit großen Ensembles wird besonders in der Szene deutlich, in der die Seherinnen – hier ausdrücklich keine Hexen – von Soldaten umzingelt werden. Mit wehenden Haaren zieht sich das weibliche Kollektiv zusammen, um sich sogleich wieder auszudehnen, wie eine Seeanemone. Die Soldaten kreisen die Frauen mit erhobenen Waffen ein, was kaleidoskopartige Muster hervorbringt.
Stephanie Chen Gundorph, die alternierend mit Astrid Elbo tanzt, zeichnet Lady Macbeths Empathie mit Feingefühl. Meirambek Nazargozhayev liefert (abwechselnd mit Sebastian Pico Haynes) ein eindrucksvolles Porträt des Königs. Das Zusammenspiel des Paars enthüllt den allmählichen Zerfall einer Ehe, die sich vom freudvollen Pas de deux des Anfangs unter dem zerstörerischen Einfluss von Ehrgeiz und Gier ins Destruktive wendet. Das gesamte Ensemble setzt Shakespeares Intention klar und deutlich um. Vincenzo Lamagnas exzellente Perkussionsmusik steigert die Dynamik und Intensität an Schlüsselstellen des Balletts, und Tim Yips monumentales Bühnenbildmotiv ist ein riesiger Baum, der unmerklich von der Bühnendecke herabgelassen wird, bis er zuletzt den Boden erreicht. Gelungen ist eine bildgewaltige Umsetzung des Skakespeare-Dramas – und zugleich eine hervorragende Erweiterung von Khans wachsendem Repertoire an zeitgenössischem Ballett. Einmal mehr interpretiert der Choreograf die westliche Kunstform neu, betrachtet er sie doch durch die Linse seiner eigenen Tradition – des klassischen indischen Tanzes.
Aus dem Englischen von Dorion Weickmann
Wieder in Kopenhagen, Opernhaus, 4. Juni; www.kglteater.dk
Tanz Juni 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 12
von Graham Watts
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