Die Zeitreisende

Eine Frau mit und für die Geschichte: Seit zwei Jahren leitet Hetty Berg das Jüdische Museum in Berlin. Ihre allererste Leidenschaft aber galt: dem Tanz. Wie das zusammengeht, erkundet Dorion Weickmann

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Ist das nun der dritte, vierte oder fünfte Stock? Die Besucherin weiß es nicht zu sagen, obwohl sie gerade erst aus dem Aufzug steigt. Die Architektur ist verwirrend, lauter im Zickzackmuster angelegte Korridore und Fensterfronten, unterbrochen von flächigem Sichtbeton. Das Ziel ist ein unspektakuläres Büro: Schreibtisch, Bücherregal, Ledercouch. Ein Arbeits-, Denk- und Kommunikationsraum, nichts Ablenkendes, kein Zierrat.

Braucht auch niemand, denn wer auf dem Sitzmöbel Platz nimmt, ist zu Gast bei einer Frau, die so spannend und zugleich unprätentiös zu erzählen weiß, dass eineinhalb Stunden wie zehn Minuten vergehen. Lange graue Strickjacke über schwarzer Hose, dezenter Schmuck, wohlüberlegte Worte und lebendiges Mienenspiel – das ist Hetty Berg: 1961 in Den Haag geboren, aufgewachsen in einer jüdischen Familie, via Tanzausbildung ins Berufsleben gestartet, abgebogen Richtung Theaterwissenschaft, seit 2020 Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin.

Statement von elementarer Wucht
Ein langer Flur mit seitlichen Separees, jedes kreisrund und durch klimpernde Metallvorhänge von der Hauptroute abgetrennt. In der letzten Rotunde erklingt ein Chanson – «Les Feuilles mortes», ...

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Tanz April 2022
Rubrik: Hinter den Kulissen, Seite 52
von Dorion Weickmann

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