Die Hoffnungsträger

Louise Bédard

aus Montréal, eigentlich längst eine Veteranin unter den kanadischen Tänzerinnen und Choreografinnen, hat jüngst mit einem Solo-Auftritt in Catherine Gaudets «Pluton, Acte 1», einer Produktion der choreografischen Plattform «La 2e Porte à gauche», überrascht. Sie beginnt ihren Part mit einem Flüstern, das sich zum Brabbeln eines Kleinkindes und schließlich zu kehligem Stöhnen steigert.

Eindrucksvoll und rückhaltlos gestaltet sie die erwachende Wut und verzweifelte Leidenschaft eines Menschen, der in die surrealen Gefilde einer beginnenden Alzheimer-Demenz schlittert – einer schrecklichen Leere entgegen, in der sich schon die schlichte Begrüßung «Bonjour» zu einer gänzlich verinnerlichten Erlebniswelt auswächst.

Andere Äußerungen erlangen die Intensität einer flammenden Anklage. Dann wieder ruft sie sich in kürzesten Sätzen Erinnerungssplitter aus der eigenen Vergangenheit ins Gedächtnis: Kindheit in Québec, ihre frühe Liebe zu Hunden und Katzen. Mit quälenden Zuckungen im Gesicht und bedrohlich-übertriebenen Betonungen steigert Bédard die von Gaudet erdachte Verbal-Performance zu einer derartigen Intensität, dass Momenten der Stille, von Blicken, ineinandergleitenden Bewegungs- und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 156
von Philip Szporer

Weitere Beiträge
Feier des Primitiven

Dem Tanz haftet – vielleicht wie keiner anderen Kunstform – der Nimbus einer universellen Sprache an. Grenzüberschreitend soll er die Menschheit verbinden und – so die Mission des Welttanztages der UNESCO – zum Weltfrieden führen. Der 29. April dient alljährlich dazu, «alle Formen des Tanzes an diesem Tag zu vereinen, den Tanz zu feiern, seine Globalität...

Die Hoffnungsträger

Der moderne Flamencotanz hat viele Gesichter. Die Generation der in den 1970er-Jahren Geborenen hat einiges verändert und viele Türen geöffnet. Die jüngste Generation kann schon darauf aufbauen und kennt viele Tabus nur mehr vom Hörensagen. Es geht nicht darum zu provozieren, sondern darum, seine Freiheit zu leben.

Manuel Liñán stammt aus Granada, ist durch die...

Gender Trouble

Wer über körperliche Grenzgänge im Tanz nachdenkt, der wird ermitteln müssen, was Grenze in diesem Zusammenhang bedeutet. Er wird Aktionen, Inszenierungen oder Wahrnehmungsmomente suchen, in denen der Körper Abgrenzungen überwindet, von einer Seite der Grenze auf die andere wechselt oder zwischen Wechsel und Nicht-Wechsel changiert. Das bedeutet auch, nach den...