Die Hoffnungsträger

Louise Bédard

aus Montréal, eigentlich längst eine Veteranin unter den kanadischen Tänzerinnen und Choreografinnen, hat jüngst mit einem Solo-Auftritt in Catherine Gaudets «Pluton, Acte 1», einer Produktion der choreografischen Plattform «La 2e Porte à gauche», überrascht. Sie beginnt ihren Part mit einem Flüstern, das sich zum Brabbeln eines Kleinkindes und schließlich zu kehligem Stöhnen steigert.

Eindrucksvoll und rückhaltlos gestaltet sie die erwachende Wut und verzweifelte Leidenschaft eines Menschen, der in die surrealen Gefilde einer beginnenden Alzheimer-Demenz schlittert – einer schrecklichen Leere entgegen, in der sich schon die schlichte Begrüßung «Bonjour» zu einer gänzlich verinnerlichten Erlebniswelt auswächst.

Andere Äußerungen erlangen die Intensität einer flammenden Anklage. Dann wieder ruft sie sich in kürzesten Sätzen Erinnerungssplitter aus der eigenen Vergangenheit ins Gedächtnis: Kindheit in Québec, ihre frühe Liebe zu Hunden und Katzen. Mit quälenden Zuckungen im Gesicht und bedrohlich-übertriebenen Betonungen steigert Bédard die von Gaudet erdachte Verbal-Performance zu einer derartigen Intensität, dass Momenten der Stille, von Blicken, ineinandergleitenden Bewegungs- und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 156
von Philip Szporer

Weitere Beiträge
Die Hoffnungsträger

sind ein junges weißrussisches Paar, das derzeit am Estnischen Nationalballett mit Hauptpartien betraut wird und dort unter Ballettdirektor Toomas Edur eine rasante künstlerische Entwicklung vollzogen hat. In der Tallinner Kompanie herrscht zwar kein Mangel an hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern, doch Shkatula und Klimuk haben sich in Klassikern wie «Manon», «La...

Die Hoffnungsträger

Ihre Stücke entfalten einen hypnotischen Sog. Dabei sind es dunkle, geheimnisvolle Welten, die diese Choreografin entwirft. Gedankliche Tiefe und konzeptuelle Strenge gehen immer einher mit einer hinreißenden Sinnlichkeit. Bei ihren bildstarken Arbeiten fällt die Affinität zur Bildenden Kunst sofort ins Auge. Wie sie die Körper im Raum arrangiert, hat skulpturale...

Produktion des Jahres

Das Stück hat viele Kritiker begeistert – ob sie nun den Choreografen und Tänzer Akram Khan, seine Tänzerinnen Christine Joy Ritter und Ching Yien-Chen oder die Inszenierung an sich zu ihrem Favoriten kürten. Khans Kammerspiel kreist um eine Episode aus dem Mahabharata, die er einem Buch der Schriftstellerin Karthika Naïr entnommen hat (tanz 4/16). Die Künstlerin,...