Der wilde Mann

Zum Tod von Johann Kresnik, der sich mit seinem «Choreografischen Theater» an individuellen und gesellschaftlichen Lebenslügen abarbeitete.

Tanz - Logo

Diese Bilder, sie bleiben einem für immer im Kopf: Der Alte mit der Pickelhaube, der zu Mahlers «O Mensch» mit der Kreissäge Babypuppen zersägt; das brennende Herrensakko im Schrank und bald darauf der Kopf einer jungen Frau in der Gasbackröhre; die Blutpumpe an blendendweißen Wänden, dann das blutige Gekröse, das ein Priester in vollem Ornat aus schwappenden Eimern stoisch ein ums andere Mal in den Orchestergraben kippt. Dieses Theater hantiert mit Bildern und grausamen Aktionen; es watet in Kotze, Scheiße und Blut. Dann erst kommt der Tanz.

Der sieht – hoch das Bein in der Chorus Line! – manchmal aus wie in grell-billigen Revuen. Und dann wieder wie dem Expressionismus entliehen. Mit Bewegungsschüben abgewinkelter Gliedmaßen an konvulsivisch ruckenden Rümpfen à la Kurt Jooss, bei dem der Choreograf dieser bewegten Zumutungen, anders als die Protagonistinnen des Tanztheaters, aber gar nicht studiert hat. Sein Theater ist gewalttätig, brutal, laut und aggressiv. Es schont seine Akteure genauso wenig wie die Zuschauer. 

Schinderhannes

Der da so wütend um sich schlägt, der – mal brüllender Despot, mal liebevoller Kümmerer – aus den Tänzerinnen und Tänzern das Letzte an Einsatz und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Oktober 2019
Rubrik: Menschen, Seite 20
von Eva-Elisabeth Fischer

Weitere Beiträge
Nachlese Tanzkongress 2019

Alles sollte anders werden bei Meg Stuarts Tanzkongress im Juni 2019: die Teilnehmenden, der Tanz, die Gesellschaft. «To be changed» war eines der zentralen Schlagworte, die Bildung einer  «intentional community» ein anderes. Auf dem Gelände des Festspielhauses Hellerau – einst Schauplatz für Lebensreformbewegung und Anfänge des modernen Tanzes – standen weder...

In der Anstalt

Das Ensemble ist vor allem eines: jung. Das hat der britische Choreograf Matthew Bourne -ausdrücklich betont, als er sich unlängst dem traditionellen «Romeo und Julia»-Stoff zuwandte und neben den jugendlich-frischen 18 Tänzerinnen und Tänzern seiner Kompanie New Adventures zusätzliche sechs Mitwirkende im Alter von 16 bis 19 Jahren vor Ort für die Produktion...

Paris on tour: La ribot, Mathilde Monnier, Tiago Rodrigues «Please, please, please»

Am Ende sagt die Mutter, es sei ihr egal, ob sie einen Sohn, eine Tochter oder eine Kakerlake geboren habe. Es sei ihr egal, denn ihr gehöre die Zukunft nicht. Die Tochter antwortet: «Was für dich keine Konsequenzen hat, wird mir mein Grab graben / Was dir Freude bereitet, wird die Quelle meines Leidens sein / Was du dir nicht vorstellen kannst, wird mein tägliches...