Der Klassikflüsterer
In diesem Studio gibt es kein «Non». Auch kein «No», kein «wrong» und kein «that‘s a fail». Denn dieses Studio ist erklärtermaßen ein «safe space», ein Ort, an dem sich alle ausprobieren und einbringen können. Sagt Martin Chaix am Ende des Vormittags zu den Tänzern und Tänzerinnen auf der Probebühne des Staatstheaters Cottbus, die zugleich als Ballettsaal dient: für eine elfköpfige Kompanie plus zwei Eleven, die der gerade noch amtierende Tanzdirektor Dirk Neumann hier beschäftigt. Und zwar hübsch ambitioniert.
Sonst hätte er kaum Martin Chaix angerufen und ihm Choreografie und Inszenierung für «Endstation Sehnsucht» angetragen. Der dreiundvierzigjährige Franzose ist eigentlich eher an größeren Häusern unterwegs. Aber Schauspiel oder Roman? Hat er noch nie in Tanz übersetzt. Ein Wagnis also. Solche Gelegenheiten schlägt Martin Chaix nicht aus. Nach dem Telefonat hat er Tennessee Williams’ Südstaatendrama von 1947 gelesen, um danach grundsätzlich Zustimmung zu signalisieren. Unter einer Bedingung: Die Damen tragen Spitzenschuh. Was angesichts der Macho-Gewalt, die in den Eingeweiden dieser Dreiecksgeschichte rumort und eruptiv hervorbricht, alles andere als eine ...
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Tanz April 2024
Rubrik: Menschen, Seite 20
von Dorion Weickmann
Vor dem Fenster streckt sich ein riesiger Baum, der Thomas Mikas zartgrau gehaltenem Bühnenraum Leben einhaucht – und zugleich wie eine Reminiszenz wirkt, eine Verbeugung vor den großen Regisseuren, die das Kino der 1940er-, 1950er-Jahre zum Blühen brachten. Männer (ja, es waren ausnahmslos Männer) wie Douglas Sirk, wie Elia Kazan, der 1951 Tennessee Williams’...
Wie so oft in der Kunst: Die Innovation beginnt mit einer Rebellion, mit Wut, Protest, moralischem Aplomb. «Missbrauch in der Manege!», tönt es in den 1970er-Jahren. «Lebenslanges Leid!» Es sind die Tierschutzverbände, die anklagend mit den Fingern auf die Wanderzirkusse zeigen: Raubkatzen, Elefanten, Robben, ja sogar Krokodile als Showacts? Das ist Tierquälerei....
Sage mir, was du über Yoko Ono denkst, und ich sage dir, wer du bist. Eine Meinung zur heute 91-Jährigen haben Viele, und oft ist diese Meinung nicht ganz fair: Eine Möchtegernkünstlerin sei Ono, die so unverständliche wie bedeutungsschwangere Performances fabriziere, eine Aktivistin von himmelschreiender politischer Naivität, eine Hexe, die durch die Heirat mit...
