Datensee
Tatyana Portnova, Sie betreiben datenbasierte Forschung im Bereich Ballett – eine relativ neue Methode. Mit welchem Ziel?
Ich versuche, verschiedene Versionen von «Schwanensee» in modernen Inszenierungen an Theatern außerhalb Russlands zu analysieren. In Russland ist «Schwanensee» entstanden, sicher eines der berühmtesten und beliebtesten Ballettwerke der Welt. Wenn man nun verschiedene neuere Adaptionen untersucht, lassen sich Trends in der Ballettbranche nachvollziehen.
Was hat Sie gerade an diesen Neufassungen interessiert?
Die zeitgenössische Kunst diktiert neue Standards und erfordert Experimentierfreude. Aktuelle Ballettinszenierungen fallen mutiger und extravaganter aus als frühere Versionen.
Wie gehen Sie praktisch vor?
Voraussetzung ist, dass die Fassungen in irgendeiner Form digital oder online vorliegen. Aus insgesamt sechzig Inszenierungen wurden sechs ausgewählt – eine Art repräsentative Stichprobe. Die insgesamt zwölf Fragen und die Kriterien, anhand derer die Inszenierungen aufgeschlüsselt wurden, habe ich selbst entwickelt und im Anschluss an die Sichtung dann über die jeweilige Fassung gelegt. Die Ergebnisse wurden mit dem Programm «Neural Designer» – einem Tool für erweiterte statistische Analysen – verarbeitet und in ein grafisches Diagramm übersetzt.
Welche Kriterien wenden Sie an?
Es geht bei meiner Methode um folgende Parameter: Plastizität und Qualität der Bühnengestaltung, Häufigkeit innovativer Techniken sowie klassischer Elemente, Wiedererkennbarkeit der Handlung, Synthese klassischer und postmoderner Elemente, Ästhetik des Tanzes, Niveau des musikalischen und des tänzerischen Ausdrucks. Die Kriterien bezogen sich also auf Symbolik, Körpersprache, postmodernen Einfluss, Bühnenbild, tänzerischen und musikalischen Ausdruck. Jedes Kriterium wird nach Sichtung der Datengrundlage, also der aufgezeichneten Aufführung, quantitativ und qualitativ erfasst. Dabei stehen 1 bis 3 Punkte für ein niedriges Niveau, 4 bis 6 Punkte für mittleres Niveau, 7 bis 10 für hohes Niveau.
Was hat Ihre Studie ergeben?
Man sieht genau die unterschiedlichen Zuschnitte und Gewichtungen, nur ein paar Beispiele: Matthew Bournes Produktion mit einem rein männlichen Cast zeichnet sich durch Betonung der Genderthemen und einprägsame, nicht traditionelle Männerrollen aus; Frederik Rydman verlegte die Handlung ins Rotlichtmilieu und machte daraus ein Street-Dance-Spektakel – eine weitgehende Überschreibung des Originals; Alexander Ekmans Version fürs Norwegische Nationalballett wässert die Bühne und legt mehr Wert auf visuelle Wirkung als auf Handlungsklarheit; im Gegensatz dazu kreuzt Graeme Murphys Interpretation fürs Australian Ballet – in Anlehnung an das Schicksal von Princess Diana als Dreiecksgeschichte konzipiert – klassische Elemente mit einer modernen Handlung und erreicht einen hohen Wiedererkennungswert; John Neumeiers «Illusionen – wie Schwanensee» mit dem Hamburg Ballett verbindet auf kreative Weise klassische Choreografie und moderne Psychologie – am Beispiel des bayerischen Königs Ludwig II.; Neumeier sichert sowohl die Wiedererkennbarkeit des Sujets als auch seinen ästhetischen Reiz.
Was lässt sich unter dem Gesichtspunkt der Tradition daraus lernen?
Ich komme zu dem Schluss, dass die Form heute vielfach Vorrang hat vor dem Inhalt. Das klassische Ballett per se durchlebt aufgrund solch kreativer choreografischer Lösungen aus meiner Sicht eine Krisenphase. Die Ästhetik verselbstständigt sich in gewisser Weise. Die Entwicklung der Handlung verläuft bisweilen chaotisch, weibliche Rollen werden durch männliche Darsteller ersetzt – das macht die Choreografie komplizierter, ist aber der Qualität des Balletts nicht immer dienlich.
Die Fragen stellte Dorion Weickmann
«Illusionen – wie Schwanensee», Bayerisches Staatsballett, München, Nationaltheater, 24., 28., 30., 31. Mai; www.staatsoper.de
Tanz April 2025
Rubrik: Praxis, Seite 62
von Dorion Weickmann
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