Das Zerwürfnis

John Neumeier und das Königlich Dänische Ballett haben sich nach jahrzehntelanger Arbeitsbeziehung entzweit – wegen «Othello». Wir haben Stimmen gesammelt. Worum geht es überhaupt? Ein Klärungsversuch von Dorion Weickmann

Auf der Zielgerade zu seiner «Dona Nobis Pacem»-Premiere in Hamburg ist John Neumeier kalt erwischt worden: von der Presseberichterstattung zu einem Konflikt, der seine langjährige Arbeitsbeziehung mit dem Königlich Dänischen Ballett fürs erste beendet hat.

Der Verdacht, der dabei im Raum stand, wiegt schwer: John Neumeier, seit fast fünfzig Jahren Chef des Hamburg Ballett und weltweit hoch geschätzter Choreograf, sah sich mindestens indirekt mit dem Vorwurf konfrontiert, rassistische Stereotypen inszeniert zu haben – aufgrund einer Figur und einiger Szenen in seinem 1985 uraufgeführten «Othello». In der Hauptsache geht es um den «Wilden Krieger», Zerr- und Trugbild eines schwarzen Mannes, das in Desdemonas Kopf umhergeistert: eine Fantasie, die gesellschaftlich verankerte und psychologisch verinnerlichte Klischees widerspiegelt. WeilNeumeier im Kern des Stücks gerade die Unmöglichkeit beleuchtet, soziokulturelle Prägungen zu unterlaufen und einen anderen Menschen wirklich zu erkennen. Wie vielschichtig dieses Kriegerporträt ist, manifestiert sich indes an den Variationen seiner Interpretation. So zeigt das Statement von Jason Reilly (S. 49), der die Titelpartie beim Stuttgarter ...

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Tanz 1 2023
Rubrik: Hinter den Kulissen, Seite 46
von Dorion Weickmann

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