Cathy Marston «Clara»
Was für ein schönes Bild für den Schauer des ersten Kusses: Robert Schumann küsst Clara Wieck und hinter ihr erheben sich sechs weitere Claras auf Spitze. Gefunden hat das Bild die Zürcher Ballettdirektorin Cathy Marston, die sich in ihrer neuesten Arbeit der Lebens- und Liebenslinie der deutschen Pianistin und Komponistin Clara Wieck-Schumann widmet. Es küsst Karen Azatyan, der diese Spielzeit als Erster Solist aus Hamburg ans Ballett Zürich gekommen ist. Und als Robert Schumann wird er zum Drehund Angelpunkt in diesem Ballett, das «Clara» heißt.
Sie war eine virtuose Pianistin und eine begnadete Musikpädagogin. Bereits mit dreizehn Jahren begann Clara Wieck an ihrem Klavierkonzert in a-Moll zu arbeiten, schuf dann vor allem Klaviermusik, Lieder, einige zusammen mit Robert Schumann. Sie brachte acht Kinder auf die Welt und überlebte die Hälfte von ihnen. Sie pflegte einen zunehmend kranken Mann und eine Freundschaft mit Johannes Brahms. Sie erarbeitete mit ihren Konzertreisen das Geld für den Haushalt, hielt Rücken frei, wo bald nichts mehr freizuhalten war.
Viel, vielleicht zu viel für eine Figur, aber in realen Künstlerehen nicht ungewöhnlich. Cathy Marston hat Clara Schumann versiebenfacht, gemäß den sieben Melodietönen der Tonleiter. Die sieben Tänzerinnen stehen für die sieben Leben der Clara Schumann, als Wunderkind, Künstlerin, Ehefrau, Mutter, Pflegerin, Managerin und Muse.
Das scheint eine kluge Idee. Gewinnt aber so die Figur der Clara an Kraft? Zum Schluss holt sich jedenfalls Karen Azatyan am meisten Applaus. Was nicht erstaunt – er tanzt fantastisch. Indes kann neben ihm, der als Byronic Hero von einem Schumann durch das Ballett wirbelt, liebt und leidet, keine der sieben Claras wirklich wachsen. Auch gemeinsam nicht. Frau könnte mit dieser Interpretation leben. Clara Schumann musste zurückstecken, davon haben wir schon gehört, und das wird hier noch einmal erzählt. Ihre Musik indes könnte eine andere Sprache sprechen. Würde sie zu uns reden. Tut sie aber nicht. Der britische Komponist Philip Feeney, mit dem Cathy Marston häufig zusammenarbeitet, hat zwar viele Musikstücke von Clara Schumann zusammen mit Musik von Robert Schumann und Johannes Brahms in seine Ballettpartitur aufgenommen. Und für die Klaviermusik konnte die Clara-Schumann-Spezialistin Ragna Schirmer gewonnen werden. Doch bleibt ihrem Spiel zu wenig Raum. Die feinen Klavierstücke wurden arrangiert, Orchester-gerecht aufbereitet, zusammengesetzt und mit eigener Musik aufgemischt – zu einer Suppe, die als neo-neuromantische Klangwolke aus dem Orchestergraben dampft. Die Kompositionen von Brahms und der beiden Schumanns werden zu Gebrauchsmusik, die der Geschichte der Choreografin dient. Das ist bei Handlungsballetten nicht unüblich, bei einem Ballett über eine Komponistin aber schmerzhaft.
Wieder Opernhaus, 1., 2., 9., 10., 15. Nov.; www.opernhaus.ch
Tanz November 2024
Rubrik: Kalender, Seite 42
von Lilo Weber
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