Brasilianische Wut: Lia Rodrigues

«Fúria» heißt Ihr neues Stück, Lia Rodrigues. Es ist kein direkter Kommentar zur politischen Situation in Brasilien nach der Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum Präsidenten. Aber was bedeutet dieser Wahlsieg für die Künstler in Brasilien und für die Favelas wie Maré in Rio de Janeiro, wo sich Ihr choreografisches Ausbildungszentrum befindet?
Die Situation in den Favelas ist seit jeher schrecklich. Von daher ändert sich gar nicht so viel. Das Gebiet von Maré, wo wir ansässig sind, ist seit Langem von Polizei und Armee besetzt.

In diesem Jahr haben sie sogar von Hubschraubern aus geschossen und dabei einen Jungen getötet, der auf dem Weg zur Schule war. Unsere Situation ist dennoch stabil, denn das Schulprojekt wird seit Langem von der Fondation d’entreprise Hermès unterstützt. Hinzu kommt die Kooperation mit Redes da Maré, einer Vereinigung, die Sozialarbeit leistet und versucht, einen Dialog zwischen Bevölkerung und Polizei herzustellen. Ohne Redes gäbe es unsere Schule nicht. Aber für die Mehrheit der Politiker und der Bevölkerung ist die Favela nur ein Kampfschauplatz. 

Was erwarten Sie denn von Bolsonaros Präsidentschaft, die jetzt beginnt? 
Ab Amtsantritt wird er eine Agenda umsetzen, die für die Umwelt, die Schwarzen, die Ureinwohner, die Armen und die Frauen nicht schlimmer sein könnte. Hier werden die Grundprinzipien der Menschenwürde verletzt! Und er tritt dafür ein, dass jedermann eine Waffe tragen darf. Mit seinen Hasspredigten sorgt Bolsonaro seit seiner Wahl im Oktober dafür, dass viele ihren niedrigsten Instinkten freien Lauf lassen.

Wie konnte er diese Wahl gewinnen? 
Wichtig ist zunächst einmal, dass von den 147 Millionen Wahlberechtigten nur 57 Millionen ihre Stimme Bolsonaro gegeben haben. Ein-und--zwanzig Prozent der Wahlberechtigten waren junge Menschen, die nicht zur Wahl gegangen sind. Und ein Prozent haben ihre Stimmzettel bewusst ungültig gemacht. Zu den Faktoren, die Bolsonaro an die Macht gebracht haben, gehört auch seine Nähe zu den Evangelisten, die sehr moralistisch sind und ihn unterstützt haben, sodass viele Leute gegen ihre eigenen Interessen gestimmt haben, als sie ihn wählten. 

Was bedeuten diese Umwälzungen für Ihre eigene Kompanie? 
Wir haben sowieso jede Unterstützung verloren, seit Michel Temer 2016 durch einen parlamentarischen Staatsstreich die Macht an sich riss. Diese Regierung hat alle Subventionen für die Darstellenden Künste abgeschafft. Brasiliens Kunstschaffende sind heute völlig auf sich allein gestellt. Meine Kompanie existiert dank unserer Koproduzenten in Europa, vor allem in Deutschland und Frankreich. Ohne die hätten wir seit 2016 nichts mehr stemmen können. Und in «Fúria» steckt nicht ein Real aus Brasilien! 

Sie haben zuletzt eine ganze Serie von Stücken kreiert, in denen es um Umweltfragen und das Schicksal der Ureinwohner in Amazonien ging. Ihr neues Stück heißt übersetzt Wut – bis wohin steigt diese Wut angesichts der Entwicklung in Brasilien? 
Im Grunde sind wir heute als Staatsbürger im Alltag wütender als in unserer Rolle als Künstler auf der Bühne. Die Tänzer leben ohnehin in der Favela. Das Stück ist Ausdruck ihrer Sorgen und Träume. Sie haben Bilder voller Schönheit und Grausamkeit zusammengetragen, die wir gemeinsam in «Fúria» zum Leben erwecken. Bei der Verwirklichung ging es weniger darum, über etwas zu sprechen, als darum, ein Ausdrucksmittel zu entwickeln. Wir stützen uns auch auf die Werke der afro-brasilianischen Schriftstellerin Conceição Evaristo, die insbesondere den Rassisimus in Brasilien thematisiert. Da die Mehrzahl unserer Tänzer Afro-Brasilianer sind, betrifft es sie im täglichen Leben. Brasilien ist das rassistischste Land der Welt! Alle zwanzig Minuten wird ein junger Mann schwarzer Hautfarbe ermordet. Da ist eine Art Genozid im Gang, und das Land muss sich der Situation dringend bewusst werden.

Wie geht es nach «Fúria» für Sie weiter? 
2020 feiern wir unser dreißigjähriges Bestehen. Dafür arbeiten wir derzeit an Plänen zur Wiederaufnahme von Stücken aus unserem Repertoire, in der Hoffnung, dass unsere Kompanie weiterexistiert. Aber es geht nicht nur um uns. Brasilien ist ein Land voller Talente und exzellenter Künstler! 

Interview: Thomas Hahn

«Fúria» wieder in Grenoble, MC2, 15., 16. Jan.; Frankfurt/Main, Künstlerhaus Mousonturm, 24.–26. Jan.; Toulouse, Théâtre Garonne, 31. Jan., 1. Febr.; Düsseldorf, tanzhaus nrw, 8., 9. Febr.; www.liarodrigues.com 


Tanz Januar 2019
Rubrik: Menschen, Seite 34
von Thomas Hahn