Boris Charmatz
Obwohl erzwungen, hat das Homeschooling die Bindung zu meinen Kindern gestärkt. Und als ich trotz zwangsweiser Abschottung in ein Tanzstudio zurückkehren konnte (ganz allein!), hat es sich angefühlt, als würde ich eine faszinierende einsame Insel entdecken. Ich habe die vielen Künstler bewundert, die den Lockdown nutzten, um in ihren Küchen, Fluren, über das Internet etwas zu kreieren ... Ich habe mich dazu nicht in der Lage gefühlt, habe mich stattdessen auf die langfristigen Wünsche konzentriert, was mir jenseits der Krise, durch die wir alle gegangen sind, wesentlich schien.
Jede Geste, jede gerettete Aufführung vor ein paar Zuschauern oder Kameras, jede wunderbare Begegnung mit einem Körper, jeder Wunsch zu feiern und sich auszutoben – all das sind unvergessliche Momente geworden, eruptive Gelegenheiten möglichen Lebens, die man unbedingt ergreifen muss ... Der mentale Tanz derer, die des Tanzes beraubt wurden, der mentale Tanz einer ganzen Bevölkerung, der Feiern, Berühren, spontane Begegnungen untersagt waren – all das ist ganz eindeutig Teil dessen, was Tanz tut:
Er setzt uns in Bewegung, bewegt uns aber selbst dann, wenn wir seiner beraubt sind. Der Tanz macht die ...
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Tanz Jahrbuch 2021
Rubrik: Pandemie, Seite 40
von
Als die Pandemie im März 2020 die USA heimsuchte, standen wir eine Woche vor der Premiere von «Vendetta», einem abendfüllenden Erzählballett für 35 Tänzer*innen des Tulsa Ballet. Ich weiß noch, wie Präsident Trump im Laufe des Wochenendes schrittweise verfügte, dass sich in Gebäuden nicht mehr als 250, dann nicht mehr als 100 und schließlich nicht mehr als zehn...
«Wenn ich einen Tanz oder irgendeine Art von Werk plane, kann ich das nicht umsetzen, bevor ich den Raum verstanden habe», sagt Maria Hassabi, die in Athen ebenso zu Hause ist wie in New York. Die 48-jährige, auf Zypern geborene Choreografin und Künstlerin ist eine Spezialistin für die Raumzeit-Verhältnisse der menschlichen Wahrnehmung. Unsere Sinne brauchen Zeit:...
Ein Tag im Winter 2021. Im Homeoffice. Schriftsteller sind ja seit circa 2500 Jahren im Homeoffice, wir sind gewissermaßen die Gründungsväter des Homeoffice. Man solle das Homeoffice verantwortungsvoll nutzen, hat der Bundespräsident gesagt. Tolstoi konnte das, der hatte sogar 13 Kinder im Homeoffice und hat dabei noch «Krieg und Frieden» geschrieben. Normalerweise...
