Amilcar Moret Gonzalez «Othello 2.0»
Spoiler: Desdemona ist am Ende tot. Amilcar Moret Gonzalez stellt das Schlussbild an den Beginn seiner «Othello 2.0»-Choreografie, im Video sieht man, wie der Titelheld (Pedro Pires) den Körper seiner getöten Frau (Marina Kadyrkulova) in den Armen hält, ein Mörder, in dessen Gesicht sich das Entsetzen über seine Tat abspielt. Die Bilder überlagern sich, die Videografen Frank Böttcher und Julian Jetter arbeiten mit Mehrfachbelichtungen, dazu erklingt Max Richters repetitive Bearbeitung von Vivaldis «Vier Jahreszeiten».
Gonzalez zeigt schon hier was sein Abend sein will: inhaltlich überraschungsarm nah an Shakespeares Vorlage, aber formal voll auf dem Stand des Jahres 2022, mit Bildern, die fast zu schön sind in ihrer ästhetischen Perfektion.
Auf den ersten Blick holt Gonzalez den Stoff konsequent ins Heute: Der bei Shakespeare mit den Türkenkriegen zentrale militärische Hintergrund kommt nicht mehr vor, die Figuren sind keine Offiziere, sondern Schnösel, reich, jung und schön. Dass Jago (Didar Sarsembayev) einmal mit dem E-Roller über Eva Adlers Bühne zuckelt, kann man als etwas alberne Aktualisierung schmähen. Man kann allerdings auch loben, wie gut das in die Agenturwelt passt, ...
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Tanz 6 2022
Rubrik: Kalender, Seite 36
von Falk Schreiber
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