À la grecque
Selten hat eine Premiere des Wiener Staatsballetts so polarisiert wie die europäische Erstaufführung des Zweiakters «Kallirhoe» von Alexei Ratmansky. Aram Chatschaturjans wuchtige, wirkungsvolle, laute Musik ist inklusive des weltbekannten Säbeltanzes eine Steilvorlage. Ratmansky lag sie am Herzen. Der Musikdirektor des uraufführenden American Ballet Theatre (ABT), Ormsby Wilkins, befürwortete Chatschaturjan, weil er armenische Musik mit orientalischen Anklängen geschrieben habe – das passe zum Plot von «Kallirhoe», der in Syrakus, Milet und Babylon spielt.
Der Brite Philip Feeney baute in die stürmische Partitur lyrische Passagen aus den «Kinderalben» sowie ein «Gayaneh»-Adagio ein, das der Komponist selbst noch in einer anderen Suite zweitverwendet hatte.
Trotz dieser wichtigen Entscheidung, auch Zartheit aus dem Orchestergraben klingen zu lassen, provoziert Chatschaturjan – in der Wiener Staatsoper unter der musikalisch-explosiven Leitung von Paul Connelly – eine Atmosphäre, die choreografische Konsequenzen bei Ratmansky und Kritik bei Zuschauenden nach sich zieht: Tiefsinnige Westeuropäer sehen die Konnotation mit dem 1942 in Sankt Petersburg uraufgeführten Propaganda-Ballett «Gayaneh». Formkritische Fortschrittsgläubige hingegen hadern eher mit dem Bau eines überkommenen Erzählballetts, der – als sei‘s ein Spuk aus prärevolutionärer Juri-Girgorowitsch-Zeit – unter anderem reliefhafte Tableaus der Piraten am Bühnenrand, groß aufgefächerte Handgesten der Stärke bei den männlichen Rollen und jede Menge bravouröse Klassik mit spektakulären Hebungen showartig aufbereitet.
Macho-Story
Die Atemlosigkeit dieses vor fünf Jahren am ABT unter dem Titel «Of Love and Rage» uraufgeführten Historiendramas hält das Publikum auf Trab. Der an sich komplizierte Inhalt, den der französische Schauspieler Guillaume Gallienne, in diesem Fall Dramaturg, aus «Kallirhoe», dem ältesten erhaltenen Liebesroman der griechischen Antike (ca. 50 v. Chr. bis 150 n. Chr.) von Chariton von Aphrodisias destillierte, ist auf der Bühne weitgehend verständlich. Von der schönsten Frau der Welt, Kallirhoe, ist die Rede, die von ihrem geliebten Krieger Chaireas aus falscher Eifersucht hingestreckt wird, aus ihrem Scheintod erwacht, entführt und verkauft wird, schwanger den adeligen Dionysios heiratet und bis hin zum König von Babylon von weiteren Männern begehrt wird. Kein feministisches Ballett, sondern eine Macho-Story mit Kämpfen, Wettstreit und Intrigen, der Ratmansky im Programmheft Legitimität mit der Aussage verleiht, dass es Gewalt gegen Frauen immer noch gibt.
Auf der antikisierenden Bühne von Jean-Marc Puissant, die immer wieder durch ein herabgleitendes, gebrochenes weibliches Antlitz in Halbreliefform besondere Ausstrahlung entfaltet, kommen indessen auch klares Kalkül und eine gewisse Wehrhaftigkeit der Kallirhoe ins Spiel; auch die Männer-Rollen sind differenziert gezeichnet. Das Damen-Corps de ballet begleitet dieses große Kino wie ein erzählender antiker Chor. Am Ende vergibt die Titelheldin dem reuigen Chaireas, und Dionysios überlässt dem Paar ihren gemeinsamen Sohn.
Zugkraft im Ensemble
Es ist eine Mischform, die Ratmansky innerhalb eines traditionellen Formenkanons hervorbringt. Manch heroische Sowjet-Ästhetik klingt da in seiner Figurenzeichnung an, die er mit der Sprache des reichen klassischen Tanzes, Charaktertänzen und zeitgenössischen Attributen aus einer Musik herausschafft, die dem Ex-Bolschoi-Ballettchef in all ihrer aufgeladenen Wirkmächtigkeit vertraut sein muss. Gerade weil er auch ein famoser Rekonstrukteur großer russischer Ballette ist, mögen hier transformierte Figurationen «aus alter Zeit» zur Anwendung kommen. Die Produktion zeigt trotzdem Wirkung und berührt. Bei der Premiere wie in den folgenden drei Besetzungen bewies die neue Ballettdirektorin Alessandra Ferri, dass sie innerhalb weniger Wochen Zugkraft ins aufgefrischte Ensemble gebracht hat. Erstklassige Tänzer*innen reißen die verbliebenen Kolleg*innen in einem Rausch mit sich fort. So die Wien-Rückkehrerin Madison Young, die mit einer sibyllinischen Aura dem direkten Zugriff des Victor Caixeta immer wieder entgleitet und mit dem für Begeisterung sorgenden Neumeier-Tänzer Alessandro Frola (alias Dionysios) die Ehe eingeht. Marcelo Gomes, neuer leitender Ballettmeister und ehedem ein großer Tänzer, tritt als König von Babylon auf, lässt Timoor Afshar als dunklen Mithridates und Dionysios um die Wette tanzen. Cassandra Trenary, Laura Fernandez Gromova, António Casalinho, Kentaro Mitsumori, Davide Dato, Masayu Kimoto, Géraud Wielick seien hier für einen umjubelten Start der neuen Direktorin genannt.
Wieder 4., 5., 7., 12. Januar;
www.wiener-staatsoper.at
Tanz Januar 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 10
von Andrea Amort
«Chroniques», das klingt neutral, sachlich, faktisch – und ist gerade deshalb eine Illusion. Im Reich von Peeping Tom täuschen visuelle und choreografische Tricks hartnäckig die Sinne und entziehen sich jeglichem Realismus. Peeping Tom, das sind die Argentinierin Gabriela Carrizo und der Franzose Franck Chartier, die sich einst in der Brüsseler Compagnie von Alain Platel kennenlernten....
Bei ihnen dreht sich alles Tanzen um das Thema «Beziehung(en)» – die eigene Beziehung eingeschlossen. Bobbi Jene Smith und Or Schraiber sind nicht nur zwei tanzende und choreografierende Hochkaräter, die regelmäßig mit gemeinsamen Projekten um den Globus reisen. Sie sind auch privat ein Paar, das mit der sechsjährigen Tochter in New York lebt. Darüber hinaus geht das Duo im Rahmen seiner...
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«TIMEFRAMED», «HELLO EARTH!»
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