Der König, ein Frosch
... und andernorts. Je mehr man sich in die Märchenwelt seiner Kindheit vertieft, desto weniger vertraut erscheint sie. Die Erinnerung trügt, und nicht eine einzige Figur verhält sich so, wie wir’s aus Grimms Geschichten kennen. Selbst das Böse, von Masa Kolar kraftvoll verkörpert, ist nicht mehr das, was es war, und verkehrt sich zeitweilig ins Gegenteil.
«Beseelt vom Wunsch, ihre eigentliche Bestimmung zu erfüllen», liest man im Programmheft, nützt jede Märchengestalt die Gelegenheit, sich zu «verwirklichen» – und also kommt es, wie es kommen muss: Rotkäppchen landet liebeslustig auf dem Lager des Dornröschens, Sterntaler wartet vergebens mit gelupftem Hemdchen auf einen güldnen Regen, und die böse Fee und der Wolf tanzen als «die Schöne und das Biest» einen Pas de deux voll Zauber und unglaublicher Zärtlichkeit. Ganz und gar ausgehungert küsst die Prinzessin ihren König indes so hemmungslos, dass der sich vor lauter Scham am liebsten wieder in den Frosch zurückverwandeln möchte.
Natürlich kennt Stephan Thoss den Stoff, aus dem die Märchen sind. Von seiner Dramaturgin beraten, hat er auch seinen Bruno Bettelheim gründlich genug studiert, um zu wissen, dass selbst Erwachsene ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Hans Christian Andersen ist am Theater gescheitert. Die erste Anlaufstelle für seinen Wunsch, berühmt zu werden, war das Königliche Theater in Kopenhagen. Doch für einen Schauspieler war er zu dünn, für einen Tänzer zu linkisch und eine Karriere als Sänger endete mit Stimmbruch.
Andersens Scheitern am Theater ist fundamental. Denn das Märchen, in dem er sich so...
Die Welt hat wieder einen großen Choreografen verloren, und wieder ist eine Kompanie ohne Führung. Damit wiederholt sich die gleiche Situation wie 1973 in Stuttgart, als John Cranko starb.
Ich glaube, die glücklichsten Momente seines Lebens hatte Uwe Scholz, als er noch Tänzer und Choreograf beim Stuttgarter Ballett war und Maurice Béjart nach Stuttgart kam, um...
Kein Titel mehr à la Sol! Diese Zeiten sind vorbei. Paul Lightfoot und Sol León, seit Anfang dieser Spielzeit als «Huischoreografen» dem früheren NDT-Chef Jirí Kylián gleichgestellt, haben mit einer liebgewordenen Tradition gebrochen, von der im selben Programm noch «SH-Boom» oder «Signing Off» zeugen. Stattdessen Ballette, die sich quasi selbst bezeichnen – so wie...
