Das Gesicht
Auf der Bühne ist der nur handgroße Kopf eine Winzigkeit. Erst vor der Kamera wird das Gesicht groß und sprechend. Eine Rolle spielt das Gesicht auf der Bühne nur dann, wenn es spricht. Ein Tänzer, der den Mund hält, trägt sein Gesicht zur Zierde. Er muss schon lächeln, seine Zahnreihen freigeben, eine Grimasse schnitzen, damit die Krone des Körpers überhaupt bemerkt wird. Die kräftigen Beine, Arme, der Torso überragen das viel zu kleine, übervolle Feld aus Auge, Mund, Wange, Nase.
Was ist der Grund, warum manche Tänzer immerzu lächeln? Das Lächeln entschuldigt den Kopf, weil er nicht mittanzt. Fernand Légers 1924 gedrehter Film «Ballet Mécanique»: Eine madonnenhaft gescheitelte Frau legt die Hand vor ihr Gesicht. Wenn sie die Hand wegnimmt, sieht der Betrachter einen neuen Ausdruck. Jedesmal. Seine Kamera hat gezeigt, dass das Gesicht tanzen kann.
Das Publikum. Es sitzt in den Theaterreihen so, dass es nur aus Gesichtern besteht. Ihm fehlt, schaut man von der Bühne in den Zuschauerraum, alles, was ein Tänzer hat: Arme, Beine, Bewegung. Der Zuschauer ist als genau das arrangiert, was er sein soll – ein kollektives Gesicht: lauter Hinseher. Dieses Gesicht ist überdies nackt wie die ...
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