Zwischen Leben und Tod
Fast einhundert Jahre alt ist Zofia Posmysz inzwischen, die 1942 nach Auschwitz, später ins KZ Ravensbrück verschleppt wurde. Anneliese Franz, eine ihrer Wärterinnen, starb dagegen bereits 1956, noch bevor ihr der Prozess gemacht werden konnte. Posmysz konnte das nicht wissen, als sie ihre Erlebnisse 1962 in einer Erzählung verarbeitete. Und doch gehört es zu den Koinzidenzen, die der Oper, die Mieczysław Weinberg nach dieser Erzählung schuf, bis heute das Gewicht der Zeitzeugenschaft, einer im Musiktheater seltenen Realitätsnähe verleihen.
Als besitze Marta, die titelgebende «Passagierin», tatsächlich ein ewiges Leben – und damit die ausgleichende Macht über Leben und Tod ihrer Peinigerin Lisa, die auf einem Schiff ins brasilianische Exil zu entfliehen sucht und dabei auf ihr ehemaliges Opfer trifft.
Wie einen bewegungslosen Geist hinter schwarzer Sonnenbrille lässt denn auch Regisseur Johannes Reitmeier am Tiroler Landestheater Marta in Lisas Kajüte auftauchen. Obwohl die «Passagierin» inzwischen ein relativ häufig gespieltes Stück ist – erst vor eineinhalb Jahren zeigte es in Österreich auch die Grazer Oper –, sorgt das dokumentarische Gewicht des Stoffes dafür, dass er sich ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Michael Stallknecht
Den nationalen Theaterpreis «Goldene Maske» öffentlich zu verleihen, wie es bislang 28 Mal üblich war, ist in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß in Russland um die starken emotionalen Reaktionen der Theatermacher und kann sich ausmalen, wie sie bei ihren Bühnenauftritten in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen den Krieg zum Ausdruck...
Claude Debussys 1902 uraufgeführte Anti-Oper «Pelléas et Mélisande» steht wie ein erratischer Block am Beginn des 20. Jahrhunderts. In seiner Vertonung des Maeterlinck’schen Prosaschauspiels negiert Debussy alles, was bis dahin die Gattung ausmachte – Arien, Ensembles, Chöre, Melodien, in der rhythmisierten, dem Rezitativ angenäherten Deklamation des Worts selbst...
Einst war einmal im grünen Wald der Max,
Der wollte frei’n des Erbförsters Agathen.
Doch länger schon, ihr könnt‘ es sicher raten,
Gab’s selten Fleisch daheim, und wenn: vom Dachs.
Ein Jägerchor macht «Trallala» und rotzt
Den Becher voll mit Bier und Speisebreien.
Da hilft beim Weber Carl nur weiter Schreien,
Auf dass man dann halt weiter säuft – und kotzt.
Der...
