Wunderbar wandelbar
Es war ein heißer Frühsommertag in Barcelona, damals, vor mehr als zwanzig Jahren. Gidon Kremer hatte am Vorabend Beethovens sperriges Violinkonzert gespielt, und wie so oft, glich Kremers Lesart einer musikalischen Offenbarung. Nun, ein Dutzend Stunden später, saß er in der Lobby eines Hotels in der Innenstadt und wirkte wie ein Mensch, der nur eines kennt – die Traurigkeit.
Müde, matt und melancholisch wirkte Kremer, und auf die Frage, ob es ihn nicht reizen würde, seiner Geburtsstadt Riga irgendwann einen Besuch abzustatten, blickte der große Geiger den Gast fast grimmig an, schwieg eine Weile und formte dann diesen unvergessenen Satz: «Ich war schon einmal da.»
Nadja Stefanoff würde so etwas vermutlich nie sagen. Chemnitz, in diesem Jahr «Kulturhauptstadt Europas», zu jener Zeit, als sie in diese Welt geworfen wurde, aber noch Karl-Marx-Stadt genannt, ist für sie nach wie vor ein Stück Heimat. Oder doch zumindest eine Art Erinnerung daran. Ihre Mutter lebt noch dort, und ihr Vater hätte im vergangenen November beinahe seinen 100. Geburtstag an ihrer Seite gefeiert – allein, er starb ein Jahr zuvor. Als er 99 wurde, gehörte seine Tochter natürlich zu denjenigen, die ihm artig ...
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Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Porträt, Seite 52
von Jürgen Otten
Ein ganzes Opernhaus zu schultern, das wäre dann wohl der nächste Schritt. Vielleicht, wenn der Kehlkopf nicht mehr richtig will. Oder der Startenor keine Lust auf das hat, was sich im Karriereherbst alles anbietet – Herodes, Aegisth, der Kaiser in «Turandot», irgendetwas in der Art. «Ein kleines Hineinschnuppern in das Genre», nannte Jonas Kaufmann sein zweites...
Kafkas Roman «Der Prozess» beginnt mit dem legendären Satz «Jemand musste Josef K. verleumdet haben». Längst zählt diese lapidare Mitteilung zu den ikonischen Romananfängen der Weltliteratur, kündigt sich doch darin ein Lebensgefühl an, das man heute etwas inflationär als «kafkaesk» bezeichnet. Josef K. wird also eines Morgens ohne Angabe von Gründen verhaftet wird...
Dass die vom Genre der Opéra-bouffe vorgesehene Rettung des Paares aus aussichtsloser Einkerkerung gelingt, liegt an einem alten Gefangenen, der sich seit zwölf Jahren mit einem Messerchen einen Tunnel in die Freiheit gräbt: Im genau richtigen Moment hat er sich nun in die Zelle der Périchole und ihres Piquillo durchgewühlt. Es fehlten, sagt er, bloß noch zwölf...
