Wildeste Leidenschaften
Sie läuft wie ein offenes Messer durch die Welt: Das kann man auch von Déjanire sagen, aber das Messer hat einen Zackenschliff. Begleitet von einem fallenden Viertonmotiv, in dem ein Tritonus von zwei verminderten Quarten gerahmt wird, erscheint die aufs Höchste alarmierte Noch-Ehefrau des großen zivilisatorischen Helden am Ende des ersten Akts, nachdem auf der Szene schon das ganze übrige Personal vorgestellt worden war.
Hercule hat sich selbst vorab moralisch absolviert, denn fataler Götterwille sei seine Liebe zur liebreizenden Iole, der Tochter des gerade von ihm besiegten und getöteten Tyrannen Eurytos. In Momenten der unwiderstehlichen Bezauberung mitten in Déjanires erbittertem Dialog mit dem untreuen Ehemann im zweiten Akt glätten sich in A-Dur die Zacken zu milden Terzen und Quarten. Am Ende des Werks aber, wenn Hercule bei der ertrotzten Hochzeitsfeier mit Iole im Begriff ist, das Nessus-Gewand anzulegen, brechen die vier Viertelnoten Déjanires in Hercules’ emphatische erst Neun- dann Sechsachtel-Melodie in E-Dur mit brutaler metrischer Gewalt ein. Das ist hier wie in vielen anderen Momenten der Oper feinste kompositorische Arbeit, Psychologie realisiert unmittelbar in ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 34
von Klaus Heinrich Kohrs
Im immersiven Musiktheater liegt für Heinrich Horwitz immer auch eine Überforderung. Das Publikum, erklärt der Regisseur, werde aus der Komfortzone geholt, müsse sich selbst in der Aufführung verorten, nicht nur geistig, sondern auch körperlich einsteigen und eine eigene Perspektive suchen. Das koste Überwindung, biete aber die Chance einer eigenständigen...
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Krzysztof Warlikowski liebt es, unterschiedliche Werke miteinander zu verbinden, um daraus eine ganz persönliche Vision zu entwickeln. So auch 2015 in Paris, als er Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» und Poulencs «La voix humaine» zu einer eindrucksvollen Aufführung verband. Die Produktion, die nichts von ihrer Faszination verloren hat, wurde nun am Teatro San Carlo...
