Wildeste Leidenschaften

Wiederentdeckt: «Déjanire» von Camille Saint-Saëns

Opernwelt - Logo

Sie läuft wie ein offenes Messer durch die Welt: Das kann man auch von Déjanire sagen, aber das Messer hat einen Zackenschliff. Begleitet von einem fallenden Viertonmotiv, in dem ein Tritonus von zwei verminderten Quarten gerahmt wird, erscheint die aufs Höchste alarmierte Noch-Ehefrau des großen zivilisatorischen Helden am Ende des ersten Akts, nachdem auf der Szene schon das ganze übrige Personal vorgestellt worden war.

Hercule hat sich selbst vorab moralisch absolviert, denn fataler Götterwille sei seine Liebe zur liebreizenden Iole, der Tochter des gerade von ihm besiegten und getöteten Tyrannen Eurytos. In Momenten der unwiderstehlichen Bezauberung mitten in Déjanires erbittertem Dialog mit dem untreuen Ehemann im zweiten Akt glätten sich in A-Dur die Zacken zu milden Terzen und Quarten. Am Ende des Werks aber, wenn Hercule bei der ertrotzten Hochzeitsfeier mit Iole im Begriff ist, das Nessus-Gewand anzulegen, brechen die vier Viertelnoten Déjanires in Hercules’ emphatische erst Neun- dann Sechsachtel-Melodie in E-Dur mit brutaler metrischer Gewalt ein. Das ist hier wie in vielen anderen Momenten der Oper feinste kompositorische Arbeit, Psychologie realisiert unmittelbar in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 34
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Hoffnung gibt es keine

Diese Düsterkeit ist niederschmetternd. Nachdem Blut geflossen ist wie Wasser, nachdem verraten, betrogen und gemordet wurde, als gäbe es kein Morgen, nachdem Anführer und Herrscher aufstiegen und wieder aus dem Weg geräumt wurden – nach all dem steht das Volk, repräsentiert hier von den sogenannten «Altgläubigen», mit erhobenen Armen da und wünscht sich nichts...

Sehen, was man schon hört

Der Waldweg nach La Verna ist beschwerlich. 120 Kilometer nördlich von Assisi liegt die Einsiedelei, die der Graf Orlando dei Cattani einst dem Franz von Assisi als Rückzugsort anbot. Die heilige Ruhe dort sei geeignet für die Betrachtung Gottes. Als der heilige Franziskus den Berg besucht, empfängt ihn «eine große Schar Vögel unter fröhlichem Singen und...

«La femme, c’est moi»

Frau Kulman, erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Bühnenauftritt?
Natürlich! Das war am 19. Dezember 2021 in Bamberg, ein Abend mit den Bamberger Symphonikern unter der Leitung von Jakub Hrůša. Das Haus war wegen Corona nur zu einem Drittel gefüllt. Ich habe ein eigenes Wunschprogramm gesungen und am Ende Mahlers «Wunderhorn»-Lied «Urlicht». Und dann war...