Wildeste Leidenschaften
Sie läuft wie ein offenes Messer durch die Welt: Das kann man auch von Déjanire sagen, aber das Messer hat einen Zackenschliff. Begleitet von einem fallenden Viertonmotiv, in dem ein Tritonus von zwei verminderten Quarten gerahmt wird, erscheint die aufs Höchste alarmierte Noch-Ehefrau des großen zivilisatorischen Helden am Ende des ersten Akts, nachdem auf der Szene schon das ganze übrige Personal vorgestellt worden war.
Hercule hat sich selbst vorab moralisch absolviert, denn fataler Götterwille sei seine Liebe zur liebreizenden Iole, der Tochter des gerade von ihm besiegten und getöteten Tyrannen Eurytos. In Momenten der unwiderstehlichen Bezauberung mitten in Déjanires erbittertem Dialog mit dem untreuen Ehemann im zweiten Akt glätten sich in A-Dur die Zacken zu milden Terzen und Quarten. Am Ende des Werks aber, wenn Hercule bei der ertrotzten Hochzeitsfeier mit Iole im Begriff ist, das Nessus-Gewand anzulegen, brechen die vier Viertelnoten Déjanires in Hercules’ emphatische erst Neun- dann Sechsachtel-Melodie in E-Dur mit brutaler metrischer Gewalt ein. Das ist hier wie in vielen anderen Momenten der Oper feinste kompositorische Arbeit, Psychologie realisiert unmittelbar in ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 34
von Klaus Heinrich Kohrs
Der Waldweg nach La Verna ist beschwerlich. 120 Kilometer nördlich von Assisi liegt die Einsiedelei, die der Graf Orlando dei Cattani einst dem Franz von Assisi als Rückzugsort anbot. Die heilige Ruhe dort sei geeignet für die Betrachtung Gottes. Als der heilige Franziskus den Berg besucht, empfängt ihn «eine große Schar Vögel unter fröhlichem Singen und...
Ein Sturm im Wasserglas? Oder, um in der Terminologie des Stücks zu bleiben, eine Prüfung fürs Theater? Jedenfalls reisten Regisseur Marco Štorman und Bühnenbildner Demian Wohler knapp zwei Wochen vor der «Zauberflöten»-Premiere ab. Über die offenbar unüberbrückbaren Differenzen schwieg sich der Regisseur vielsagend aus. Und das Theater Freiburg führte die...
Auch Erfolge können altern. Bertolt Brechts und Kurt Weills «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» jedenfalls hat in Stuttgart einen faden Nachgeschmack hinterlassen. Das diabolische Spiel, das Brechts gleichermaßen opern- wie kapitalismuskritischer Text hier auftischt, und das diabolische Vergnügen, das Weills kulinarisch schmissige Musik dagegen setzt, finden –...
