Verführerisch
Das Christentum und seine Sexualmoral – es ist ein langes, leidiges Kapitel in der Geschichte mit vielen unguten Nebenerscheinungen. Daran hat sich, insbesondere was die katholische Lehre angeht, bis heute kaum etwas geändert – lediglich der Machteinfluss, um vorehelichen Sex zu verbieten oder gleichgeschlechtliche Beziehungen zu strafen, ist verschwunden. Dabei war es Freud, der die menschliche Sexualität als Naturkraft entdeckte und damit aus dem Würgegriff der Religion befreite. Die 1920er-Jahre sorgten dafür, dass bisher gültige Geschlechterrollen gehörig ins Rutschen gerieten.
In diese Zeit hinein schrieb Karol Szymanowski seinen «Król Roger». Und so, wie das 1926 in Warschau uraufgeführte Werk derzeit am Anhaltischen Theater Dessau zu erleben ist (in einer Inszenierung des Dessauer Ballettdirektors Stefano Giannetti), stellt sich berechtigterweise die Frage, warum es auf Bühnen außerhalb Polens weiterhin in der Rubrik «Raritäten» geführt wird. In drei Akten entspinnt sich die Geschichte des Mittel -alter-Königs Roger, als Drama des Machtverlusts und innere Reise der Selbsterkundung gleichermaßen.
Roger herrscht auf Sizilien über ein Staatskirchentum, das derart in seinen ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Werner Kopfmüller
Die Entscheidung fällt nicht eben leicht: Soll man Lehárs «Lustige Witwe» nun toll finden oder doch eher ein bisschen doof? Wäre der Maßstab die Art und Weise, wie Patrick Hahn den orchestralen Entr’acte mit der Melodie des Vilja-Lieds vor dem Finalakt dirigiert und dabei jede feine Nuance dieses melancholischen Klangbildes hervorzaubert, fiele das Votum klar aus:...
In Verdis «La traviata» einzutauchen, komme ihm vor «wie ein Besuch im Spa», erklärt der Tenor Matthew Vickers. «Es fühlt sich einfach gut an, mich in diesem Stück zu bewegen, es ist wie ein Gesundheitstag für die Stimme.» In der Rolle des Alfredo kann man den 38-Jährigen zurzeit am Staatstheater Darmstadt erleben, wo er seit Beginn dieser Spielzeit fest engagiert...
Dass sie sich zu wenig auf die gegenwärtige Wirklichkeit einlassen, wirft man den Stoffen aktueller Opern mit Recht vor. Aber das gilt nicht für die Stücke, die für Jugendliche geschrieben und komponiert werden. Manch älterem Zuschauer rauchte gewiss der Kopf über das, was an bunten, grell-poppigen Bildern und Klängen pausenlos auf ihn einstürmte bei der...
