Ungeduld der Herzen
Zwei Geschwister. Anatol, Godot. Beide werden erwartet, mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass Becketts Titelheld mehr zur Metapher taugt, während sein Bruder im Geiste real existiert. Seit 20 Jahren harrt die schöne Vanessa seiner Ankunft, unverdrossen, sehnsüchtig, in rituell-masochistischer Hingabe. Doch die Liebe hält das Warten aus. Anatol ist der Mann ihrer Träume, dahinter verblasst alles, selbst die Wirklichkeit.
Doch nur bis zu dem Punkt, wo das Traumgebilde zerstiebt: Als «Anatol» in der Abgeschiedenheit der Bergwelt erscheint, ist es nicht der Geliebte (der, kurz nachdem er seine Ankunft annonciert hatte, unvermittelt verstorben ist), sondern dessen gleichnamiger Sohn. Der Schock sitzt tief.
Gut möglich, dass Gian Carlo Menotti an Schnitzler dachte, als er das Libretto zu Samuel Barbers einziger Oper dichtete. Die erotischen Verästelungen und Verstrebungen der Geschichte indes legen es nahe: Kaum hat der schneidige Gast das mondän-weißkühle Herrenhaus betreten, das Ausstatter Ulrich Schulz auf die Magdeburger Bühne gebaut hat, verwirren sich die Gefühle bis hin zur (schicksalhaften) Unglaubwürdigkeit. Doch was soll’s, Kunst ist doch stets trompe l’œil, alles ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Jürgen Otten
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