Und fast ein Mädchen wars
Hören Sie – die Stille – kann man sie hören?» Eine Rhetorik der permanenten zweifelnden Zurücknahme oder halben Dementierung prägt das vom Komponisten stammende Libretto, sein zweites nach seinem ebenfalls an der Nederlandse Opera uraufgeführten «Orest». «Ich habe ihn geliebt – liebte ich ihn?» Vagheit, von der schon Berlioz im Hinblick auf eine neue Ästhetik der Instrumentalmusik gesagt hat, dass sie eine ungleich höhere Ausdrucksmacht besitze als klar konturierte Positivität, ist das Signum des Werks.
Nach dem schroffen, scharfkantigen «Orest» präsentiert es sich als ein lyrisches Drama der Schwebe im Horizont von Debussys «Pelléas»: Ein piano-, ja, pianissimo-Stück der feinsten Texturen, realisiert durch ein groß besetztes Orchester mit seinen zitternden Holzbläser-Staccati, seinen triolen-, quintolen- und septolengesättigten ondulierenden Streichern (noch nie habe er so viele Wechselnoten geschrieben, bekennt Manfred Trojahn) und seinen kurz aufblitzenden, meist sordinierten Blechbläsersignalen. Vage bleiben auch die Didaskalien zu den einzelnen Episoden («Der Eine ist Pluton. Er könnte ein Schaffner sein ...»), und vage ist vor allem das Dénouement, denn unklar bleibt, ob ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Klaus Heinrich Kohrs
Im «Einheitlichen Staat» funktioniert alles reibungslos, nach mathematischen Prinzipien eingerichtet vom Großen Wohltäter. Die Menschen tragen Nummern und sind alle gleich. Für ihre «glücklichen Stunden» werden sie einander zugelost, sodass sie sich nicht mehr in Gefühle verstricken müssen. Dem Großen Wohltäter sind sie dafür so dankbar, dass sie ihn regelmäßig...
Der rote Lappen ist unten, aber nicht ganz, deshalb können wir sehen, wie sich da, trippelnd und dehnend, eine Schauspieltruppe warmläuft. Die Musik, ein ohrenöffnendes Klarinettensolo, suggeriert Behaglichkeit: «Es war einmal». Das Auge aber hat sich einzustellen auf Theater im Theater in Neonrahmen (gebaut von Vincent Lemaire), alles in Anführungsstrichen...
Selbsterkenntnis kann einem auch am Schalter in der Frankfurter Bahnhofshalle drohen. Wenn zum Beispiel die Dame den Ticketkäufer freundlich darauf hinweist, ab 60 sei die Bahncard doch billiger. Allein, Christian Gerhaher, am Morgen nach einem «Don Giovanni» unterwegs, war da gerade mal 44. Sicher unausgeschlafen, ein wenig zerzaust, vielleicht sogar mürrisch. Die...
