Und das Auge blickt in die Ewigkeit
Das letzte Wort hat Liù. Die kleine Sklavin mit dem großen Herzen. Die weiß, wie sich Liebe anfühlt, wie sie schmeckt, welchen Zauber, welchen Duft sie zu verströmen weiß. Und die den Unterschied kennt zwischen dem reinen Begehren und jenem höheren Gefühl, das sich nicht allein aus körperlichem Verlangen speist, sondern weit mehr aus der Idee von Philia und Agape – vielleicht auch deshalb, weil sie Ersteres vermutlich nie in ihrem Leben genießen durfte.
Ihre Musik, Liùs Musik, sie erzählt davon, in einem harmonischen Gewand, das uns ahnen lässt, dass die Sonne nie mehr scheinen wird. Es-Moll, das ist bei Puccini nie die Tonart der Freude gewesen, sondern meist die der Traurigkeit, Verzweiflung und Verlorenheit (bereits das frühe Lied «Ad una morta» auf Verse Antonio Ghislanzonis, den Librettisten von Verdis «Aida», ist in verschattete es-Moll-Klänge gehüllt). Und so hebt Liù ihre Stimme, hebt an zu einem Gesang, der so schmerzlich-schön ist, dass man sich in ihn verlieben könnte, wüsste man nicht, dass der Tod schon seine Arme ausgebreitet hat und sie, die wahre und vergeblich Liebende, bald mit sich nehmen wird. Con dolorosa espressione wünscht sich Puccini Liùs Abschiedsgesang, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: 100. Todestag Giacomo Puccini, Seite 102
von Virginie Germstein
Als erst zweite Oper einer Frau (nach Louise Bertins «La Esmeralda») wurde 1895 an der Pariser Opéra «La Montagne Noire» von Augusta Holmès uraufgeführt. Geboren 1847 in Paris als Tochter einer irischstämmigen Familie lernte sie ihr musikalisches Handwerk unter anderem als Schülerin César Francks. Ihre Werke veröffentlichte sie zunächst unter männlichem Pseudonym,...
Es geht um Kolonialismus und um Raubbau, den Europäer in Afrika betrieben oder immer noch betreiben: Für das Musiktheater «Justice» taten sich der spanische Komponist Hèctor Parra und der kongolesische Librettist Fiston Mwanz Mujila zusammen. Hinzu kam für die Uraufführung am Grand Théâtre in Genf der politisch denkende Regisseur Milo Rau und mit dem Dirigenten...
Lieber Herr Jerusalem, was ist eigentlich ein Heldentenor? Was braucht er?
Es gibt da keine besonderen Zutaten. Er muss durchhalten können. Er muss einfach wissen, was er tut, und darf nicht forcieren. Und das funktioniert nur, wenn er technisch sauber singt. Aber das trifft eigentlich auf alle Partien zu. Beim Heldentenor kommt eben noch die besondere...
