Tragödie und Satyrspiel
Märchen fragen nicht nach stringenter Handlungslogik, sondern nach dem tieferen Sinn und ebensolcher Erkenntnis. Sie schaffen Raum für Fantasien. Insofern passen die beiden Musiktheaterwerke, die die Oper Graz kurz nach dem neuerlichen Lockdown in einem Kraftakt an zwei aufeinander folgenden Abenden präsentierte, durchaus zusammen; auch wenn sie ihrer Entstehung und ihrer Ausrichtung nach höchst unterschiedlich sind.
Georges Bizets «Perlenfischer» von 1863 und Jaromir Weinbergers einstiger Welterfolg «Schwanda, der Dudelsackpfeifer» von 1927 erzählen im Grunde schlichte Fabeln: Bizets frühe Oper ist eine Dreiecksgeschichte zweier Freunde, die dieselbe Frau liebten und die bei ihrer schicksalhaften Wiederbegegnung zu Rivalen um die zur Priesterin Berufene werden, die in ihrem Amt zur Keuschheit verpflichtet ist. Weinbergers Volksoper hingegen ist die burleske (Welt-)Reise eines einfachen, frisch verheirateten Bauern, der mit seinem Dudelsack die Menschen verzaubert, sich abenteuerlustig einem windigen, aber herzensguten Räuber anvertraut, sich zur Eiskönigin führen (und von ihr verführen) lässt und später sogar – um der Rettung der eigenen Liebe willen – in die Hölle stürzt, wo er ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Karl Harb
Es war, das darf man ohne Übertreibung sagen, ein spätes Debüt. 58 Lenze zählte Marian Anderson, als sie am 7. Januar 1955 erstmals die Bühne der Metropolitan Opera betrat, um die Ulrica in Verdis «Un ballo in maschera» zu singen, unter der Leitung des genialischen Dimitri Mitropoulos. Doch weniger deswegen war das Publikum in Manhattans Musentempel von den Socken....
Als «duftiges Amalgam» der Bestandteile des Opéra-comique-Prinzips hat Ulrich Schreiber Jules Massenets Oper «Manon» einmal bezeichnet. Was darin mitschwingt: Da setzt sich auf einer szenisch-musikalischen Ebene etwas in einer Ästhetik der Flüchtigkeit, der Momentaufnahmen zusammen: Die Oper, so könnte man es interpretieren, wird zum Film.
Peter Carp muss das...
In seinem Buch mit dem vielsagenden Titel «Demented: The world of the Opera Diva» (London, 1984) schreibt der amerikanische Theaterhistoriker Ethan Mordden: «Die bösartigste aller Fehden zwischen zwei Diven ist eine, zu der es nie gekommen ist: die zwischen Maria Callas und Renata Tebaldi.» So muss das Vorurteil, das der «voce d’angelo» der Tebaldi die...
