Tödlich intellektuell
Carmen tanzt nicht. Carmen raucht nicht. Und Klamotten im Gypsy Style trägt sie erst recht nicht. In der Endphase ihrer Evolution ist sie eine elegante Intellektuelle. Welch weiter Weg von der gewitzten, niederträchtigen «Zigeunerin» über die exotische Femme fatale bis zum Status eines exemplarischen Femizid-Opfers. Prosper Mérimée entwarf in der literarischen Vorlage zu Bizets Oper ein seltsam schillerndes Porträt, wobei er vor allem Carmens ethnische Identität verdunkelte.
Dem Ich-Erzähler seiner Rahmenhandlung ist ihre Herkunft rätselhaft: Andalusien, Mauretanien? Ist sie gar – aber danach wagt er nicht zu fragen – Jüdin? Ihre Auskunft bringt wenig Klarheit: «Je suis bohémienne». Georges Bizet ist dabei geblieben, sein Text zur Habanera behauptet: «L’amour est enfant de bohème». Die deutsche Fassung des Librettos macht aus ihr eine «Zigeunerin»; nicht ganz zu Unrecht, verwendet Mérimée doch im Verlauf seiner Novelle immer häufiger das fatale Wörtchen Gitane…
Nur wenige Bühnenfiguren erlebten derart gravierende Metamorphosen wie Carmen. Das «Mädel» eignet sich fast für alles, nur als pittoresk kriminelles Luder darf sie nicht mehr auftreten.
Schon zwischen Mérimée und Bizet ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Volker Tarnow
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