Tiefer als der Tag gedacht
Tenor oder Bariton, das ist hier die Frage. Und als solche nicht ganz so leicht zu beantworten, wie es sich mancher Purist mit ausgeprägter Neigung zu hohen Stimmen vielleicht wünschte. Denn wo in anderen Fällen der Wille des Komponisten als ultima ratio zu gelten hat, ist bei Jules Massenets Drame lyrique «Werther» die Faktenlage etwas uneindeutig.
Zwar komponierte Massenet die Titelpartie ursprünglich dezidiert für einen Tenor – Ernest van Dyck sang sie bei der deutschsprachigen (!) Uraufführung 1892 an der Wiener Hofoper, der spätere Brahms-Biograph Max Kalbeck hatte die deutsche Fassung erstellt – doch als ihn zehn Jahre später der Bariton Mattia Battistini um eine Fassung bat, die seiner Stimmlage entspräche, zögerte der französische Komponist nur kurz. Und so kam «Werther» ein zweites Mal ans Licht der Opernwelt – von ihrem Schöpfer autorisiert, im französischen Original und mit einer etwas tiefer gestimmten Titelfigur.
Auf den Bühnen wird meist die ursprüngliche Version aufgeführt. Auch die legendäre Einspielung von 1979, mit dem unvergleichlichen Alfredo Kraus als Werther und Michel Plasson am Pult des London Sym -phony Orchestra, griff darauf zurück. Doch schon der ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 31
von Virginie Germstein
Kurz vor drei ist die Welt an diesem Nachmittag auf der Eteläesplanadi noch in Ordnung. Der Himmel ein schwereloses Gemälde in Graublau, vom Hafen weht eine sanfte Brise herüber, und angenehm warm ist es auch: 23 Grad Celsius. Auf dem sandkörnigen Mittelstreifen herrscht reger Flaneur-Verkehr, und auch die wenigen Parkbänke vor der Espan Lava, einer Konzertbühne en...
Irgendwann wurde es ihm dann doch zu viel. Die Berge voller Leichen, das Blut, die verstümmelten Körper, das martialische Kriegsgeschrei, dieser unaufhörliche, schauderhafte Schrecken war so unaushaltbar geworden, dass er beschloss zu gehen, irgendwohin. Jedenfalls hinunter von der Bühne, heraus aus dem Theater der Grausamkeit, hinein in ein neues, anderes,...
Er war, im November 1924, zur Bestrahlung seines Kehlkopfkrebses nach Brüssel gekommen. Brüssel aber wurde Puccinis Sterbeort, und er hinterließ seine letzte Oper unvollendet, mutmaßlich nicht nur nicht fertig komponiert, sondern stehengeblieben in einer dramaturgischen Sackgasse. Mutmaßlich hätte Puccinis Genie mit dem vorgesehenen außerordentlichen Liebesduett...
