Noblesse oblige!
Den Herrn kennen die meisten von uns, als fiktive Figur aus den Dichtungen Victor Hugos, Lord Byrons und Alexander Puschkins, aus Tschaikowskys Oper, die seinen Namen trägt, oder ganz real aus der Historie des russischen Reiches, in welcher er eine Zeitlang für Furore sorgte; die Dame hingegen dürfte wohl nur den Wenigsten vertraut sein. Sie umgibt ein Geheimnis, was aber vor allem daran liegt, dass die Musikgeschichte sie völlig vergessen hat. Damit aber hat es nun ein Ende, von dem man sagen darf, dass es ein äußerst glückliches ist.
Zu tun hat es wesentlich mit jenem Mann, von dem es handelt – Iwan Masepa. Dieser Adelssohn, der zunächst lange am polnischen Hof diente, stellte sich als Hetman in der seit 1654 zu Russland gehörenden Ukraine zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf die Seite des schwedischen Königs Karl XII., weil er nach der Unabhängigkeit seines Volkes strebte. Gemeinsam rüstete man zum Marsch auf Moskau – und erlitt ein ähnliches Schicksal wie Napoleon mehr als 100 Jahre später. Nach der Schlacht von Poltawa am 27. Juni 1709 (bei der Karl verletzungsbedingt fehlte) floh Masepa gemeinsam mit dem König erst in die Türkei und dann nach Moldawien (das heutige Moldau), wo ...
Zu Lebzeiten zählte sie zur Haute Culture der französischen Musikszene, ihr Name wurde in einem Atemzug mit den Großen der Zunft genannt, mit Héctor Berlioz, Charles Gounod, Giacomo Meyerbeer, Jules Massenet und Camille Saint-Saëns. Bald danach aber geriet Clémence de Grandval in Vergessenheit und mit ihr auch ein opulentes Œuvre, das mehr als 60 Mélodies enthält, dazu Kammermusik und vor allem etliche Bühnenwerke. An der Oper Dortmund wurde nun mit «Mazeppa» ihre wohl bedeutendste Schöpfung aus der Schatztruhe emporgeholt: eine fünfaktige Oper, die – auf Grundlage der Dichtungen von Victor Hugo und Lord Byron – noch einmal die wechselvolle Lebensgeschichte des aus Polen stammenden, in die Ukraine verschlagenen Freiheitskämpfers auf die Bühne zwingt. Ein Werk der Extreme, der unterschiedlichsten stilistischen Ströme, das, als Ganzes genommen, ein in zahlreichen Farben schillerndes Panorama jener längst verblichenen Zeit darstellt und vor allem die stupende Kompetenz der Komponistin in Sachen Oper dokumentiert. Eklatant der melodische und harmonische Reichtum, faszinierend die Form, mit einem Wort: ein Meisterwerk.
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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 34
von Virginie Germstein
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