Mythos und Simulation
Die Nornen sind zwar, wie üblich, grau und grämlich, doch tragen sie Schleier und andeutungsweise orientalische Gewänder, auch sind ihrer mehr als nur drei. In einem düsteren Keller voller altmodischer Röhrenbildschirme, auf denen Kolonnen von Buchstaben und Zahlen flimmern, operieren sie nicht mit einem Seil, sondern den Kabeln eines Computer-Servers. Am Ende steht der Kurzschluss, die Bildschirme verlöschen. In der Oberwelt, der «Halle der Gibichungen», dominieren zahllose Flach- und Großbildschirme, die den Zuschauer mit der Bilderflut des Informationszeitalters bombardieren.
Für Siegfried sehr interessant, denn er ist – das hat man im ersten Akt «Siegfried» gesehen – als sozial verwahrlostes Computerkid aufgewachsen. Siegfried stürzt sich in die virtuellen Welten – seine Beziehung zu Gutrune findet nur als Begegnung zweier Avatare in «Second Life» statt. Brünnhilde hingegen ist vollkommen analog: Am Anfang sieht man sie, wie sie mit Siegfried das berühmte Bed-In von John Lennon und Yoko Ono, 1969 im Amsterdamer Hilton Hotel, nachstellt. Was aus diesem harmlosen Flirt mit dem Medienzeitalter dann später wird, nämlich ein allmächtiger Verblendungszusammenhang, kann ihr nicht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Niemand wird bei einer «Jenufa»-Produktion ernstlich die klappernde Mühle am rauschenden Bach erwarten, obwohl sie bei den recht zahlreichen Inszenierungen der jüngsten Zeit immer mal wieder vorkam. Auch in Mannheim wird sie zitiert – aber dann gleich vervielfacht: Achtzehn kleine Mühlsteine, im Kreisrund aufgebaut wie ein Gralstempel für «Parsifal», sind die...
«Das ist auch eine Frage der Qualität»
Leipziger Turbulenzen II: Peter Konwitschny über Musiktheater als moralische Anstalt, herbeigeredete Konflikte und seine Pläne
Herr Konwitschny, Ihr Kollege Giancarlo del Monaco hat in Zusammenhang mit seiner Inszenierung von «Manon Lescaut», die kürzlich in Leipzig herauskam, gesagt, er mache «Oper für das Publikum». Was...
Seit Götz Friedrichs Tod im Jahr 2000 ist dies die erste Wagner-Inszenierung an der Deutschen Oper – und doch nur ein zarter Vorbote der Rückkehr zur Wagner-Pflege. Die harsch niedergebuhte Arbeit der türkisch-italienischen Regisseurin Tatjana Gürbaca ist, zugegeben, vor allem eines: langweilig. Das ist erstaunlich, denn als Schülerin von Ruth Berghaus und Peter...
