Missverständnis
Janáčeks letzte Oper differiert an einem neuralgischen Punkt von ihren Vorgängerwerken. Nicht das Einzelschicksal, wie in «Jenůfa», «Die Sache Makropulos» oder «Katja Kabanowa», steht im Fokus. Der Blick des Komponisten richtet sich auf das Kollektiv der gequälten Kreaturen, auf deren körperliche wie moralische Verrohung, sprich: auf die condition humaine, wie sie angesichts unhaltbar-grauenvoller Zustände pulverisiert.
Das titelgebende «Totenhaus» dient hierbei als Metapher für eine entzauberte Welt, in der Janáček seine Figuren leiden lässt, auf der Suche nach dem göttlichen Funken in sich. «Sie wissen, wir alle träumen vom Paradies, vom Himmel, und kommen doch nie hinein», heißt es in einem Brief an die Geliebte Kamila Stösslová.
Patrice Chéreau und Barrie Kosky haben dies auf gnadenlos-grandiose Weise gezeigt. Haben die Depravation einer (ein-)geschlossenen Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt, die drei großen Erzählungen aus diesem «Kern» deduziert. David Hermann geht in Frankfurt den umgekehrten Weg. Er richtet sein Augenmerk auf das Individuum als Opfer der Verhältnisse. Als Inititial dient ihm jener Satz aus dem Libretto, den schon Dostojewskis «Erzähler» Alexander ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
«Diese Bilderbuchkarrieren, gibt’s die überhaupt?», fragte Doris Soffel im Gespräch mit «Opernwelt» einmal (siehe OW 9-10/2015). Ihre Antwort: «Nein! Es gibt nur Zickzack.» Mit entwaffnender Offenheit sprach da eine Mezzosopranistin, die vom Koloraturfach kommt, ihren internationalen Durchbruch nach neun Stuttgarter Ensemblejahren als Sesto in Mozarts «Tito»...
Es lebt sich anscheinend nicht allzu unangenehm auf einer verlassenen Insel. Gut, einige Büschel getrockneter Gräser und etwas Tigerfell sind den Damen nach 13 einsamen Jahren über die Roben gewachsen. Aber das Unzivilisierte bleibt noch immer zivilisiert, ebenso wie sich Felsen und Wälder in geordneten Bahnen zur klassischen Gassenbühne staffeln. Wir sind...
So machen’s nicht alle, aber viele. Und natürlich nicht nur Frauen, weswegen der Titel «Così fan tutte» als genderpolitisch heikel gilt. Aber auch «Così fan tutti» würde nicht jede(n) befriedigen, ist doch das «i», das für alle Menschen steht, männlich. Eine Diskussion darüber wäre freilich heute obsolet, denn «Così» spiegelt, wie der Regisseur Joachim Herz einmal...
