Mann des Augenblicks

Oft genialisch, immer problematisch: Vor 100 Jahren wurde der Dirigent Klaus Tennstedt geboren. Seine Mahler-Interpretationen sind haften geblieben

Opernwelt - Logo

Der Kapellmeister und der geigende Seeräuber vereint beim Musizieren: Als Klaus Tennstedt 1991 noch einmal nach Hamburg zum Symphonieorchester des NDR zurückkehrte, traf er auf Nigel Kennedy, der als Künstler damals noch ernst zu nehmen war. Man spielte Beethovens Violinkonzert: hier der Mann im Frack, da ein Halbstarker mit seltsamer Frisur und einem Tuch um die Stirn.

Wer die Augen schließt (den Auftritt gibt es bei YouTube zu sehen) hört eine spannungsreiche Wiedergabe, wer sie wieder öffnet, sieht einen gut gelaunten Geiger und einen Dirigenten, der beim Schlussapplaus seiner Begeisterung für den Jüngeren ein ums andere Mal gestisch Ausdruck verleiht. Vieles kommt in dieser Szene zusammen: Alt trifft Jung, Tradition trifft Pop, Ost trifft West. Gut möglich, dass Tennstedt die unbedingte Freiheit bewunderte, die Kennedys Auf -treten ausstrahlte. Er selbst hatte sie erst 20 Jahre zuvor als eine Lebensmöglichkeit kennengelernt. 1971 hatte er die DDR Richtung Schweden verlassen. Da war er schon Mitte vierzig.

Tennstedt, geboren vor 100 Jahren in Merseburg, gehört zu den merkwürdigsten Figuren der jüngeren Musikgeschichte. Oft genialisch, immer problematisch, eine bizarre, ja, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Magazin, Seite 80
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Mehr als ein Laufsteg für Megären

Bella furia: Das erinnert an «Fare la bella figura», den italienischen Code zum Wahren des schönen Scheins. Und es könnte sein, dass Shira Patchornik beim Titel ihres Debütalbums mit Trouvaillen der Mozart-Zeit bewusst auf die Ähnlichkeit der Begriffe abhob – entweder um den «Furien» die Bühne zu bereiten oder den akustischen Laufsteg für eine Modenschau...

Editorial Opernwelt 6/26

Wer Neapel verstehen, seinen Duft einsaugen, sein genuines Flair erspüren will, sollte Elena Ferrante lesen. In ihren Romanen, insbesondere in der vierbändigen, dem literarischen Realismus verpflichteten «Neapolitanischen Saga», entwirft die pseudonyme italienische Autorin ein Panorama der süditalienischen Stadt, dessen Vielfarbigkeit schlichtweg betört; auch die...

Ein Fünkchen Hoffnung

Der König ist tot, es lebe der König? Beäugt man den Beginn von Strauss’ «Elektra», wird die paradoxale Sentenz sinnfällig. Denn noch bevor das erste Wort fällt, erscheint, im wuchtigen fortissimo, Agamemnon – als Tonfigur. Strauss hat ihm ein Motiv an die Hand gegeben, dessen eruptive Derbheit das gesamte Werk durchzucken wird: zwei Sechszehntel, die auf einen...