Liebe lehrt sehen
Der Bühnenbildner, so Hugo von Hofmannsthal in seinem kleinen Essay «Die Bühne als Traumbild», «muss durchs Auge gelebt und gelitten haben. Tausendmal muss er sich geschworen haben, dass das Sichtbare allein existiert, und tausendmal muss er schaudernd sich gefragt haben, ob denn das Sichtbare nicht, vor allen Dingen, nicht existiert.» Jolanthe, die Titel - figur von Tschaikowskys letzter Oper, ist seit früher Kindheit durch ein tragisches Unglück blind. Weder weiß sie, was Sehen ist, noch kennt sie das Licht. Augen, so sagt sie es selbst, sind für sie nur das Organ zum Weinen.
Von der Außenwelt abgeschirmt, lebt sie in einem blühenden Garten, den auf Befehl ihres Vaters, des Königs René, kein Fremder betreten darf. Ihrer Amme und den Dienerinnen ist es bei Todesstrafe verboten, sie über ihre Blindheit und die Schönheit des Sehens aufzuklären. Sehen, sagt der maurische Wunderheiler Ibn-Hakia, werde sie erst können, wenn sie selbst es wolle.
Regisseurin Isabel Ostermann und Ausstatterin Julia Burkhardt setzen in ihrer Hagener Inszenierung diesen symbolistischen Ideendiskurs von der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Dinge, von Körper und Seele unmittelbar auf die Szene. Was wir ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Uwe Schweikert
Als Theodor W. Adorno in seiner 1962 publizierten «Einleitung in die Musiksoziologie» gleich zu Beginn, im Kapitel «Typen musikalischen Verhaltens», den durchaus ambitionierten Versuch unternahm, verschiedene Hörertypen zu definieren, wusste er selbst, dass diese Rubrizierung nur in einem idealtypischen Sinne und sehr allgemein, als eine Art «Mutmaßung» zu...
Treffen sich zwei. Sie, eine ausgehungerte, nach (körperlicher) Liebe dürstende Frau, deren Leben aus Ennui und gemeiner Unterdrückung besteht. Er, eine Art lisny celovek, ein armer, in der sozialen Hierarchie weit untenstehender Tropf, dessen einziges Vergnügen in erotischer Vergiftung besteht. Wie zwei magnetisch aufgeladene Monaden prallen Katerina Ismailowa und...
Die Neuproduktion von «Pelléas et Mélisande» an der Pariser Nationaloper ruht fast ganz auf den Schultern beziehungsweise Gurgeln des Titelpaars. Sabine Devieilhe singt die Mélisande seit nunmehr zehn Jahren: konzertant (in Tourcoing 2015 und am Pariser Théâtre des Champs-Élysées 2018) und auch szenisch (Ende letzter Spielzeit mit großer Resonanz an der Bayerischen...
