Leichentrunken
Vergleiche zwischen Felice Romanis hochpolitischem «Norma»-Libretto für Bellini und den «Asterix»-Comics sind oft gezogen worden ‒ auch von pfiffigen Regisseuren. Zwar ist der öffentliche Konflikt zwischen römischer Besatzung und gallischen Rebellen so raffiniert und erschütternd in der privaten Dreiecksgeschichte zwischen dem Prokonsul Pollione und den beiden gallischen Priesterinnen Norma und Adalgisa gespiegelt, dass sich eine Verhohnepiepelung verbietet.
Andererseits sind die Macher von «Asterix» in ihrer neuesten Nummer längst über putzige Paraphrasierungen des Bellum Gallicum hinaus ‒ nämlich bei Wikilix, Bigdatha und Twitter-Druiden.
Es ist also durchaus legitim, Bellinis Geschichte aus den Fängen falscher historischer Assoziationen zu lösen. Regisseurin Yona Kim geht dabei am Staatstheater Kassel besonders konsequent vor. Für sie spielt Norma in einer verwüsteten Kriegslandschaft des postheroischen Zeitalters, irgendwo zwischen Partisanenaufstand und Kosovokrieg. Bellinis Schauplätze schnurren zu einem Kasten aus Eisen- und Betonwänden zusammen (Bühne: Etienne Pluss). Zwischen ihnen breitet sich eine Wüste aus: der karge Ort für die Aufmärsche der Gallier und die Feuerstätte ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Michael Struck-Schloen
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