Kunst und Begehren
Ich formte sie, ich bildete sie, ich löste ihr die Seele und Zunge […] sie war mein Geschöpf», das stammelt der unter Mordverdacht stehende Gesangslehrer Maestro Salvatore in der frenetischen Gerichtsszene ohne Richter, mit der unvermittelt Peter Ronnefelds Oper «Die Ameise» beginnt. Das Publikum, staccato im respondierenden Doppelchor, führt sich als die letzte Instanz auf: «Wir besuchen regelmäßig Prozesse! Wir können uns ein Urteil erlauben! […] ein Verrückter».
Verrückt und tiefgründig zugleich war das Projekt zweier Mittzwanziger, die sich 1959 in Wien trafen und schon nach wenigen Wochen mit einem fieberhaft vorangetriebenen Werk einen opernhaft-phantastischen Coup landen wollten in einem durch die «Literaturoper» zäh dominierten Umfeld: der hochbegabte Karajan-Assistent Ronnefeld und der gerade als Dramaturg an die Wiener Staatsoper engagierte Richard Bletschacher. Literatur auch hier: die Phantastik E. T. A. Hoffmanns und das absurde Theater Eugène Ionescos, dessen «Nashörner» gerade in Düsseldorf (später auch der Uraufführungsort der «Ameise») ihre erste Aufführung erlebt hatten. Auch hier das Spiel mit unvermittelt ineinander übergehenden Realitätsebenen, durch die die ...
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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Klaus Heinrich Kohrs
Wie fang’ ich nach der Regel an?» – so wohl mochte sich Fulvio Adamo Macciardi mit den Worten des Walther von Stolzing gefragt haben, als er seine erste Spielzeit als Intendant des Teatro di San Carlo plante. Schließlich war der Berufung des Kulturmanagers an das Traditionshaus in Neapel eine auch für italienische Verhältnisse ungewöhnlich chaotische Politposse...
Männer sind einfach unersetzlich? Nun ja. Ob dem so ist oder nicht, liegt wohl in erster Linie an der Perspektive, aus der heraus man es betrachtet, also im Auge des oder der Betrachtenden. Die einen, zu denen vor allem Fans von Herbert Grönemeyer zählen, sagen so; die anderen, weit stärker einer evidenzbasierten Erkenntnis zugeneigt als dem Reich der blühenden...
Einen «Kosaken» nannte Ludwig Geyer seinen offenbar äußerst lebhaften Stiefsohn Richard Wagner – und äußerte sich damit wohl aus einer Sympathie seiner Zeit heraus. Die Russen galten seit der Völkerschlacht bei Leipzig (sie fand ein halbes Jahr nach Wagners Geburt statt) als Befreier von der Knechtschaft unter Napoleon. Der Exotismus, der sich aus dem Auftauchen...
