Komm, süßer Tod!
Vier junge Menschen versammeln sich an einem Esstisch. Sie verrichten scheinbar Alltägliches. Die kaum spezifischen Requisiten (Tassen, Wassergläser, alte Fotos) finden wie beiläufig ihren Platz darauf. Bis ein ungewöhnlicher Gegenstand auftaucht: ein brauner Schuh. Er gehört offenbar keinem der vier, sie sind alle barfuß. Da taucht aus dem diffusen Licht der Hinterbühne eine fünfte Person auf, dort sind die Studierenden der Alten Musik des Konservatoriums von Lyon als Kammerorchester platziert. Vor ihnen in der Mitte sitzt nun ein älterer Herr auf einem Stuhl.
Er trägt braune Schuhe. Doch dieses Detail bemerken wir lange Zeit gar nicht, gilt die Aufmerksamkeit doch etwas anderem. Denn was die Personen am Tisch verbindet, ist weniger der reduzierten Interaktion ihrer Körper zu entnehmen, es ist ihr Gesang, mit dem sie sich verständigen. Sie intonieren zunächst in sublimer Diktion und in zartem pianissimo die Aria aus der Motette «Mit Weinen hebt sich’s an» von Johann Christoph Bach mit ihren Versen der Vergänglichkeit: «Es muss das kleinste Kind, der bittern Tränen Schar sich weinend untergeben, eh’ es sich noch besinnt, wenn’s kaum geboren ist, so höret man doch schon, dass sich ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Peter Krause
Die Tonart verheißt nichts Gutes. Es-Moll, das riecht nach Tod, in manchen Fällen auch nach einer gewissen Art von Tod. Und die gute Liù weiß, dass ihr ein solch harsches Ende droht, weiß es seit dem ersten Akt, als ihr dieses tieftraurige es-Moll schon einmal begegnete, in jenem andante triste, als das Volk von Peking, leider vergeblich, um Gnade für den jungen...
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