Körperlos durch den Orkus
Der Himmel ist blau, Möwen ziehen schräg durchs Blickfeld, eine Frühsommerbrise weht über das Ij, die Binnenalster von Amsterdam. Du liegst am Kai in einem blendend weißen Bett, neben dir eine sommersprossige Schöne, die dir Geschichten ins Ohr raunt ‒ von Kindern, die nachts aufwachen und ihre Eltern suchen, von der Hoffnung auf Glück und der notwendigen Enttäuschung. Und während du noch darüber nachdenkst, ob du selbst gemeint sein könntest, ist deine Zeit um, und der Nächste wartet auf seine Geschichte.
In Amsterdam, beim Holland Festival, ist auch das Bettgeflüster ein Kunstakt ‒ auf einer Hafenpier, in der U-Bahn oder mitten auf dem belebten Dam vor dem Königsschloss. Der argentinische Theatermacher Fernando Rubio legt uns in seiner Aktion «Todo lo que está a mi lado» (Alles an meiner Seite) zu Schauspielerinnen ins Bett. Und überhaupt erheben bei der 68. Ausgabe des Holland Festivals, das erstmals von einer Frau, der Schottin Ruth Mackenzie, geleitet wird, die Frauen vernehmlich ihre Stimme: als Verführerin wider Willen wie in Alban Bergs «Lulu» in der Inszenierung von William Kentridge (siehe OW 7/2015), als knallharte Geschäftsfrau aus China wie in Arnoud Noordegraafs neuer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2015
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Michael Struck-Schloen
Der dreiviertelstündige Einakter «The Cure» ist bereits das vierte Musiktheaterstück von Harrison Birtwistle, das beim traditionsreichen Sommerfestival in Aldeburgh an der englischen Ostküste uraufgeführt wurde. Den Anfang machte 1968 die Slapstick-Groteske «Punch and Judy», von der kolportiert wird, dass Festivalchef Benjamin Britten, schockiert über die...
Neulich fuhren wir – das Ensemble aus Robert Carsens «Midsummer Night’s Dream» beim Festival in Aix-en-Provence – mit dem Zug rauf nach Lyon: Die sogenannte Sitzprobe stand an. Kolleginnen, die bisher ausschließlich in Jeans und Schlabberpullis herumschlurften, trugen plötzlich kurze Röcke, High Heels und schichtweise Make-up, um nachher mit dick getuschten Wimpern...
Man ist überwältigt. Von der Fülle, von der Akribie, von der Schönheit, von der Fantasie, aber eben auch von der Wandlungsfähigkeit. Das Universum des Bühnenmenschen Jürgen Rose umfasst nicht nur das Bild einer Szene vom ersten Nagel bis zur letzten Dessous-Naht, sondern längst auch die Regie, das Dirigieren von Menschen im Raum, das Erfinden von Konzepten. Es ist...
