Klassentreffen, Akademie, Werkstatt

Drei Säulen prägen die Programmarchitektur des Festival International d’Art Lyrique d’Aix-en-Provence: Barockoper, Mozart und neues Musiktheater. Unter Bernard Foccroulle, dem seit 2007 amtierenden Festspielintendanten, ist die Besinnung auf künstlerische Wurzeln wieder ins Zentrum des Geschehens gerückt. Die 64. Saison gab die Probe aufs Exempel: William Christie machte sich für Charpentiers Opernoratorium «David et Jonathas» stark, eine neue «Finta giardiniera» und ein neuer «Figaro» schrieben die Mozart-Pflege fort, die Uraufführung von George Benjamins zweiter Oper «Written on Skin» betonte das Bekenntnis zur Moderne. Inzwischen ist eine vierte tragende Säule hinzugekommen: die Nachwuchsförderung im Rahmen der Academie européenne de musique. Meisterklassen und Workshops sind blendend besucht, das Festival profitiert heute auf allen Ebenen vom Input junger Künstlerinnen und Künstler.

Opernwelt - Logo

I

Eine halbe Stunde noch. Im Vorhof des barocken Hôtel Maynier d’Oppéde stehen schon an die fünfzig Neugierige Schlange. Sicher ist sicher: Die Plätze sind schnell weg in den öffentlichen Meisterklassen der Académie européenne de musique, die das Festival in Aix seit 1998 veranstaltet. Man scherzt, winkt sich zu, plaudert entspannt über die Hitze, die Familie, das Essen, den Hund. In einem Französisch, das von hier ist, das nach Süden klingt.

In der Langue d’Oc, die jede Silbe ehrt und die Vokale ausschwingen lässt – sogar das (im Norden stumme) «e», auf dem so viele Wörter enden. Es sind vor allem Alteingesessene, Menschen aus der Stadt und der näheren Umgebung, die an diesem Juli-Mittag wissen wollen, wie der aus Philadelphia angereiste Gesangspädagoge und Liedbegleiter Mikael Eliasen drei seiner Schützlinge unter die Lupe nimmt. Überhaupt kommen die meisten Besucher (rund sechzig Prozent) aus der Region.

Als es endlich losgeht, ist der kleine, sonst von der Université de Provence genutzte Hörsaal bis auf den letzten Platz belegt. Der britische Tenor Nathan Vale hat eine Mozart-Rarität mitgebracht, eine Mini-Kantate für die Freimaurer, geschrieben im Juli 1791: «Die ihr des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Notizen aus Aserbaidschan

Eine Reise ans «Staatlich-Aserbaidschanische Akademische Opern- und Ballett-Theater Baku» ist eine Reise in die Vergangenheit. Nicht, weil die 1910 im eleganten Orient-Jugendstil erbaute Oper der Öl-Metropole am Kaspischen Meer ihren sowjetischen Titel auch zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit nicht ablegt. Hier kann man die Aufführungspraxis der frühen Oper...

Zeitsprünge

Seit 1600 sind an die zehntausend Opern geschrieben worden – eine Riesenpartitur, die beständig wächst. Als «Gesamtoper» hat Alexander Kluge diesen Schatz einmal bezeichnet. Im Grand Théâtre du Provence ist er nun um ein weiteres Stück bereichert worden, um ein spannendes dazu: George Benjamins «Written on Skin», die (nach der kleinformatigen...

Infos

Abschied

Ein Jahr vor ihrem Tod haben wir in ihrem Dresdner Intendantenbüro zusammengesessen. Es ging um die Semperoper, um Christian Thielemann, den sie gerade als Chefdirigent für die Staatskapelle gewonnen hatte, um Gott und die Welt. So war es immer, wenn man mit Ulrike Hessler sprach. Auf Kritik konnte sie auch mal dünnhäutig reagieren, aber sie war nie...