Jede Geste sitzt
Endlich hat sie es hinter sich. Endlich kann sie wieder jung sein, sich öffnen, fühlen, trauern, triumphieren, ihre Verletzlichkeit spüren. Emilia Makropulos erlebt die Minuten vor ihrem Tod als Befreiung. Mehr als 300 Jahre hat sie gelebt, fluchtartig Identitäten gewechselt, Wiedergänger ertragen, sich durch die Zeiten geschlagen. Nun ist die Zeit abgelaufen. Die große Turmuhr im Hintergrund rückt gegen Zwölf. In strahlendem B-Dur schreitet Emilia an ihr vorbei, schwerelos, erleichtert, erlöst. Endlich geht sie mit der Zeit: sie, die erst lange nach der Zeit sterben kann.
Kurz vorher hatte sie sich zu diesem Schritt entschlossen, war einem roten Gasluftballon gefolgt, der sie aus dem Leben führte. Emilia, das Kind. Emilia, die Weise. Leben und Tod fallen bei ihr zusammen.
Es sind einfache und doch starke Bilder, die Janáčeks vorletzte Oper am Theater Freiburg bestimmen. Regisseurin Vera Nemirova zeigt »Die Sache Makropulos« mit psychologischer Genauigkeit und gelassenen Metaphern. Emilia, die durch ein Elixier das ewige, irdische Leben hat, ist Sängerin. Endlos erfolgreich. Der Theater-Rahmen wird durch Rampenbeleuchtung und eine offene Bühne angedeutet (Jens ...
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Opernwelt Januar 2017
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Stephan Mösch
Während der Wintersaison im festlichen Schwetzinger Rokokotheater taucht die Heidelberger Oper auf den Spuren der neapolitanischen Seria tief in die Vergangenheit ein. Am Beginn der Reise stand vor sechs Jahren Alessandro Scarlattis «Marco Attilio Regolo», jetzt ist man mit Niccolò Antonio Zingarellis 1796 in Mailand uraufgeführter «Giulietta e Romeo» am Ende...
Schottisches Hochland auf der Leinwand – gemalt, bühnenfüllend. Von der Seite nähern sich drei schwarze Gestalten mit leichenblassen Masken: die Hexen. Ihre langen, knöchernen Finger deuten nach vorne, in die Zukunft. Paukengrollen. Die Gestalten verschwinden. Sie werden wiederkommen – und das Unheil mit ihnen.
Schon im ersten Bild von Donizettis «Lucia di...
Ein Hang zur Edelfolklore regional gefärbter Evergreens erfreut sich besonders unter Tenören großer Beliebtheit. Luciano Pavarotti wurde es in Italien dennoch verübelt, dass er bei «Torna a Surriento» oder «’O sole mio» den neapolitanisch weichen Zungenschlag nur unzureichend imitierte. Wer Jonas Kaufmann auf seinem neuesten Album «Dolce Vita» hört, dem wird...
