Ist nicht die Seele nur ein Wahn?
Ein Biedermeierkomponist, ein Fabrikant von Potpourris hübscher Melodien, den man tunlichst nicht in einem Atemzug mit Weber und Wagner nennt: Diese tief verwurzelten Vorurteile gegen den Komponisten Albert Lortzing widerlegte das Gewandhausorchester Leipzig jetzt grandios. Erst die gewaltig berstende Ouvertüre und später manch andere symphonisch-polyphone Passage erweckten den unbekannten Lortzing zum Leben, den Meister des souverän beherrschten Tonsatzes. Und Christoph Gedschold wusste vom Pult aus der ausgefeilten Instrumentation die wärmsten Töne abzugewinnen.
Die in Leipzig gegebene Fassung der «Undine» – die «vollständigste» Version seit vielen Jahrzehnten – etabliert das Werk als ein durch seine musikalischen und textlichen Motive eng verzahntes Gebilde, als einen ehernen Fels in der allzu oft seichten See deutscher Opernromantik.
Lortzing vermochte aus dem Souterrain gaukelnder Theatertruppen bis in den Olymp zu steigen, denn er war eine «synthetische Person», wie Novalis sie charakterisiert hatte, «eine Person, die mehrere Personen zugleich ist – ein Genius». Der Pluralismus als innerstes Wesen der Romantik, dank Tiecks «Phantasus» einst auf der künstlerischen ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Volker Tarnow
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Stück-Werk» hieß das Ziel, das der Stuttgarter Opern-Intendant Klaus Zehelein 1997 ausgab, nachdem er sich mit dem für die geplante Neuinszenierung von Wagners «Ring des Nibelungen» vorgesehenen Regisseur Johannes Schaaf zerstritten hatte und eine andere Lösung suchte. Dass das Ganze das Unwahre sei, hatte er einst bei Adorno gelernt. «Wagners Arbeit am Ring», so...
