In Schuberts Welt

Samuel Hasselhorn und Ammiel Bushakevitz radikalisieren die «Schöne Müllerin», Matthias Goerne singt sich einfühlsam durch zahlreiche Lieder des Komponisten

Opernwelt - Logo

Wer je auf dem Gipfel eines Dreitausenders (also eines auch für Normalsterbliche mit geeignetem Schuhwerk erklimmbaren Berges) gestanden und den herrlichen Blick von dort oben genossen hat, der weiß, dass das Wandern nicht nur des Müllers Lust ist, sondern eine enorme Bereicherung darstellen kann. Im besten Fall muss der Nachfahre von Wilhelm Müllers traurigem Gesellen dabei ja auch nicht zwingend nach einer entfernten Geliebten suchen; die Natur selbst genügt vollkommen, um den seltenen Hauch grenzenloser Freiheit zu spüren.

In den Gedichten Müllers und in Schuberts Vertonung der Verse herrscht hingegen recht bald Verdruss. Wie dieses Umkippen von naiver Freude in tiefe Besorgnis mit Worten und Tönen auszudrücken sei, das haben erst kürzlich Konstantin Krimmel und Daniel Heide in ihrer nachgerade phänomenalen Interpretation der «Schönen Müllerin» unter Beweis gestellt. Die Aufnahme zeigt uns den Wanderer als verwundbare Seele, die aber ihre Einritzungen nicht schon im ersten Lied dieses einzigartigen Zyklus offenbart; erst nach und nach wird die Zwiebel gehäutet und zeigen sich die blutigen Risse im Inneren des Protagonisten. Die hohe Kunst des Baritons und seines famosen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 35
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Der Held auf dem Felsen

Am Tag, als sein Tod die Opernszene erschütterte, war er noch einmal in einem Filmausschnitt zu sehen. Videokünstler Manuel Braun hatte diesen in den sozialen Netzwerken verbreitet: die Schlusssequenz aus dem Bayreuther «Tannhäuser». Stephen Gould saß da neben Lise Davidsen am Steuer, er als Clown geschminkt, ihr Kopf an seiner Schulter ruhend. Gould steuerte den...

Verdreht

Fangen wir, aus gegebenem Anlass, mit der Musik an. Zweiter Akt, Finale. Das Dunkel scheint sich zu lichten, wo vorher sehr viel f-Moll war, dominiert nun pastoral-pfiffiges F-Dur. Ein Tanz im Viervierteltakt, übermütig, zugleich hintergründig – Giuseppe Verdi wusste sehr wohl, wie man Klänge subversiv einwirken lässt. Und so ist es auch in diesem Allegro brillante...

Theaterfest

Was versprechen sie sich nicht alles vom Theater, die Tragischen, die Lyrischen, die Komischen, die Hohlköpfe und die Sonderlinge in Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen»? Und können sich am Ende doch auf ein Stück einigen, das nichts anderes als die Oper selbst ist. Am Tiroler Landestheater sind sie denn auch alle willkommen: die mit den antiken Masken, die...