In ihm brennt etwas Wunderbares
Schöner Titel: «Zu zweit», so sind die Erinnerungen von Irina Antonowna Schostakowitsch an ihre gemeinsam mit Dmitri Schostakowitsch verbrachten Jahre überschrieben. Sie verdanken sich, wie der gleichnamige Film aus dem Jahr 2022, dem unermüdlichen Versuch Elena Yakovichs, der dritten Ehefrau des Komponisten nahezukommen – was, wie die Autorin und Filmemacherin freimütig einräumt, ganz so leicht nicht war.
Anfangs sperrte sich Irina Antonowna dagegen, Geschichten aus dem Privatleben des Paars zu erzählen; nicht aus grundsätzlicher Abneigung, sondern vielmehr im Glauben, ihre Rückschau könne von allzu geringer Bedeutung für die Musikwelt sein. Irgendwann ließ sich die Verwalterin des musikalischen Erbes Schostakowitschs und Gründerin des ihm gewidmeten Archivs dann aber doch erweichen – und gewährt dem Lesepublikum damit Einblicke, die über das hinlänglich Bekannte hinausreichen und zugleich noch einmal ein Panorama der sowjetischen Realität in jenen Jahren aufreißen, die Irina Antonowna an der Seite Schostakowitschs verbrachte, bis zu dessen Tod am 9. August 1975.
Knapp 14 Jahre zuvor schreibt der Komponist an seinen Freund Wissarion Schebalin, in seinem Leben sei ein Ereignis von größter Bedeutung eingetreten: Er habe geheiratet. Doch die Erwählte habe einen Fehler: «Sie ist 27 Jahre alt.» Will sagen: auffallend jünger als er selbst. Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Konzert im Konservatorium; Irina Antonowna arbeitet zu dieser Zeit als Literaturredakteurin beim Verlag Sowjetski Kompositor, wo sie Libretti von Opern und Operetten redigiert. Darunter befindet sich auch Schostakowitschs sarkastisch getünchtes Opus «Moskau – Tscherjomuschki», ein Werk, das sein Schöpfer nur wenig schätzt. Ganz im Gegenteil zu der jungen Frau, die ihm Paroli bietet und ihn zu Änderungen am Text animiert. Nur wenige Monate nach dem ersten Treffen fragt er sie, ob sie ihn heiraten möchte. Sie sagt nein, er insistiert – so lange, bis sie schließlich einwilligt.
Irina Antonowna beschreibt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch als «feinsinnigen Menschen», der aber zugleich «äußerst witzig, bissig-witzig, giftig-witzig» sein konnte, und sie zeichnet das Bild eines Komponisten, der davon überzeugt ist, dass man Musik nicht am Klavier, sondern aus dem Kopf komponieren sollte. Immer dann, wenn er zur Füllfeder greift (und das tut er unablässig, nur Freunde und Fußball interessieren ihn daneben noch), ist das Werk bereits fertig; es muss nur noch notiert werden. Und zwar nicht als Klavierauszug, sondern als Partitur. Skrupel empfindet Schostakowitsch immer dann, wenn er mit der Politik aneinandergerät. Besonders eindrücklich schildert Irina Antonowna diesen im Grunde lebenslang geführten Kampf anhand der Uraufführung der 13. Symphonie mit den Versen Jewtuschenkos und dem entsprechenden Beinamen «Babi Jar».
Die vielleicht anrührendste Erinnerung spielt, wenig später, 1962 in Ost-Berlin, wo Schostakowitschs «Katerina Ismailova» (sie war 1936 unter ihrem Originaltitel «Lady Macbeth von Mzensk» einer Kampagne von Stalins Kultur-Autokratie zum Opfer gefallen) an der Staatsoper Unter den Linden aufgeführt wird, mit dem Komponisten und seiner Ehefrau als Ehrengästen. Nach anfänglicher Beklemmung (immerhin haben «die Deutschen» 20 Jahre zuvor die Sowjetunion überfallen) fühlen sich Irina Antonowna und Dmitri Schostakowitsch, nicht zuletzt aufgrund der Bekanntschaft mit Kurt «Ignatiewitsch» Sanderling, plötzlich pudelwohl an der Spree. Richtig heimisch aber sind sie nur auf ihrer Datscha in Repino, wo sie aber nie nur «zu zweit» leben. Die Gedichte der von Schostakowitsch bewunderten Anna Achmatowa liegen auf dem Tisch, und vor allem eines dieser Gedichte liebt der Komponist. Es trägt den Namen «Musik» und beschreibt vielleicht am besten, welch enorme Kraft ihr innewohnt: «In ihr brennt etwas Wunderbares, / Und in ihren Augen Facetten wie gemeißelt. / Sie allein nur zu mir spricht, / Wenn andre fürchten sich zu nähern. / Als auch der letzte Freund den Blick abgewandt, / blieb allein sie bei mir in meinem Grab. / Wie’s erste Gewitter sang sie / Oder als höben alle Blumen an zu sprechen.»
ELENA YAKOVICH: ZU ZWEIT
Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch
Jaron, Berlin 2025. 260 Seiten; 20,00 Euro
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Medien, Seite 42
von Jan Verheyen
Jupiter ruft im zweiten Akt das olympische Dienstpersonal auf, seinem unsterblichen Sohn Pollux vorzuführen, worauf dieser für immer verzichten will. Der aber ist verzweifelt entschlossen, seinen sterblichen Zwillingsbruder aus der Unterwelt zurückzuholen, selbst um den Preis der eigenen Göttlichkeit. Mit Blumenkränzen, Tanz und verführerischer Musik suchen Hébé und ihre Gefolgschaft...
Dennis Krauß hat im Moment einen Lauf: Im vergangenen Jahr kassierte er gleich zwei renommierte Preise, den 14. Europäischen Opernregie-Preis für Regie und Ausstattung und den «Faust»-Theaterpreis für seine Inszenierung von Péter Eö̈tvös’ «Sleepless» am Theater Chemnitz. Betrachtet man Photos seiner bisherigen Arbeiten, fällt ein Faible für starke Bilder und abstrahierte Settings auf:...
Sein Name dürfte wohl nur Eingeweihten etwas sagen. Ennio Porrino spielte in der italienischen Musikszene zeitlebens keine besonders hervorgehobene Rolle. Über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus erlangte nur das 1934 in Rom uraufgeführte, seiner sardischen Heimat zugeeignete symphonische Poem «Sardegna» eine gewisse Bedeutung; so nahm sich unter anderem der legendäre Leopold Stokowski...
