Im Krallenschritt

Laurent Pelly macht aus Rimski-Korsakows «Der goldene Hahn» in Brüssel eine magische Groteske, Alain Altinoglu verleiht der Partitur extreme Farbigkeit

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Was für ein Herrscher! Nicht nur faul, feist und fett ist er, sondern auch noch dumm, primitiv und überheblich. Aufs Regieren hat er definitiv keine Lust. Den lieben langen Tag vergammelt er unrasiert, unfrisiert im gestreiften Schlafanzug unter dem Plumeau seines Donald-Trump-protzigen Bettes, seine beiden Söhne jagt er allein aus Bequemlichkeit in die Schlacht. Bis zum Platzen pumpt Alexey Tikhomirov den Zaren Dodon mit Ekel auf und verleiht seinem Bass eine ebenso staatstragende wie wohltönende Leere.

Die Brüsseler Inszenierung von Laurent Pelly spitzt Nikolai Rimski-Korsakows satirisches Märchen zu, macht aus ihm eine gewitzte Groteske, die keinen Deut weniger über gegenwärtige politische Verhältnisse auszusagen vermag, als es eine konkrete Aktualisierung hätte leisten können. Dabei hatte sich Rimski-Korsakow mit seinem (erst posthum, 1909, uraufgeführten) «Goldenen Hahn» wieder einmal ganz und gar dem Märchenhaften und Unpolitischen verschrieben – dass Kunst und Politik nichts miteinander zu tun haben, trug der Komponist als Glaubensgrundsatz gerne vor sich her. So überlässt der Astrologe dem Zaren Dodon ein magisches Stück Federvieh, das die Fähigkeit besitzt, mit seinem ...

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Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von

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