Herbe, mürbe, dunkle Töne
Der Test: Spukt die Musik des anderen, Berühmteren weiterhin durch den Kopf? Sie tut es nicht. Schon nach wenigen Takten, auch wenn Narraboth (hier «le jeune Syrien») auf Französisch die schöne Prinzessin besingt, behauptet sich die Partitur von Antoine Mariotte als Eigenwert. Weil sie eben so anders ist: kein verführerisches Parfüm à la Richard Strauss, kein Rauschmittel, kein brillant gemachtes Oszillieren. Mariottes 1908 uraufgeführte «Salomé» auf Oscar Wildes Text liefert herbe, mürbe, dunkle Töne. Ein Klangtheater der Braun- und Grauwerte.
Dicht, von einer eigentümlichen Melancholie beschattet, auch zum Diffusen neigend. Bei Letzterem ist Gegensteuern nötig. Etwas, was den Beteiligten nicht immer geglückt ist.
Trotzdem: Es ist eine kleine Großtat der Bayerischen Theaterakademie. Noch eine «Così», noch ein gefälliger Händel, so etwas meidet man hier ohnehin. Der scheidende Präsident Klaus Zehelein pflegt ein Stücke-Biotop, das sich vom Immergleichen der großen Häuser unterscheidet. Ob seine Jung-Sänger nun ausgerechnet auf Partien losgelassen werden müssen, die sie mutmaßlich nie wieder brauchen werden, das ist ein anderes Thema. Aber, und dies beweist auch diese Produktion: ...
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Opernwelt April 2014
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Markus Thiel
Stephan MÖSCH: Ich darf die Hausherrin zuerst ansprechen. Frau Sobotka, Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, ein Theater sei keine Demokratieanstalt, sondern nur hierarchisch zu führen. Da spricht natürlich eine Frau, die lange mit Ioan Holender zusammengearbeitet hat. Was bedeutet die These konkret für Sängerinnen und Sänger?
Elisabeth SOBOTKA: Sie...
Er sei nicht interessiert daran, Märchen zu erzählen, hatte Carlos Wagner vorab gesagt. Und schon beim Auftritt des blütenweißen Strahleritters Lohengrin – im Gegenlicht, gezogen von einem in Ketten gelegten Gottfried – zeigt sich, was er mit «Märchen» meint: Verblendung, die nicht als solche erkannt wird. Carlos Wagner versucht der Geschichte vom Heilsbringer am...
Glaubt man seinem Biografen Francesco Caffi, war Ferdinando Bertoni (1725–1813) ein sanftmütiger Mann. Angesichts der vollmundigen Ankündigung – «die erste vollständige, historisch-kritische Aufführung des Werkes in neuerer Zeit» –, mit der das Teatro Comunale im oberitalienischen Ferrara Bertonis Opern-Dreiakter «Orfeo» von 1776 bewarb, hätte der Komponist...
