Grandios gescheitert
Zuletzt sorgte die Oper Halle vor allem wegen der erbitterten, öffentlich ausgetragenen Kontroverse um die künstlerische Leitung für Furore. Aber auch mit dem Theaterpreis des Bundes, der ausdrücklich die innovative Ausrichtung des Hauses nennt, die sich unter anderem im Konzept einer die Grenze zwischen Zuschauern und Akteuren aufhebenden Raumbühne erkunden lasse.
In der Begründung der Jury werden ferner Projekte wie die mehrstufige Überschreibung von Giacomo Meyerbeers Grand Opéra «L’Africaine» genannt, die auf eine Neubewertung des Stücks aus der Perspektive afrikanischer Künstler zielte.
Mit kraftvollen Motti waren die vier Etappen dieses Versuchs einer postkolonialen Anverwandlung versehen: «Auseinandersetzung mit den Ahnen», «Versöhnung», «Reinigung», «Verwandlung». Große Worte, denen die Beteiligten zuletzt allerdings kaum noch folgten. Vielmehr wirkte die vierte und letzte Aufführung wie eine etwas verdrehte Reprise der ersten Bearbeitung, die Meyerbeer über weite Strecken intakt gelassen und durch gelegentliche Einschübe in der Art des Dokumentartheaters und allerhand Verfremdungskniffe etwas aufgeraut hatte. Auch am letzten Abend dominiert Meyerbeer; die Neukompositionen ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Regine Müller
Vor zwei Jahren schlug Dmitri Tcherniakovs «Carmen»-Inszenierung in Aix-en-Provence hohe Wellen. Der russische Regisseur und Bühnenbildner hatte Bizets Opern-Blockbuster so radikal umgepolt, dass das Stück bei ihm eigentlich «Don José» heißen müsste. Nicht die Titelheldin, sondern ihr oft als Weichei gezeichneter Lover bildete den Mittelpunkt. Die Geschichte...
Harfenperlen durchsetzen samtenen Streichergrund, während Klarinette und Flöte schwebende Figurationen weben. So klingt der Landsitz Bly in «The Turn of the Screw». Schließlich hebt die Governess an: «How beautiful it is!»
Ja: Wer das Tor zu den Wormsley-Ländereien passiert, tritt in eine andere Welt. Durch bewaldete Hügel windet sich die schmale Straße ins Tal....
Der Prolog fehlt. Keine Debatte darüber, wer die einflussreichste allegorische Figur auf der Bühne ist. Fortuna, die Schicksalsgöttin, und Virtù, Vertreterin von Tugend und Tapferkeit, sind erst gar nicht angereist. Nur Amor ist erschienen, um den Menschen stupende erotische Energien einzuflößen. Allein, das Singen hat auch der Liebesgott anscheinend verlernt....
