Göttliche Gabe, irdische Gewalt

Zwei völlig unterschiedliche Priesterinnen-Porträts: In Paris verhebt sich Lydia Steier an Spontinis «La Vestale», in Strasbourg nutzt Marie-Eve Signeyrole Bellinis «Norma«, um dem Mythos Maria Callas zu huldigen

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Wenn Frauen Opern über Frauen inszenieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen es ganz anders oder sie erfüllen ihren Dienst am Regietheater noch radikaler als ihre männlichen Kollegen. Lydia Steier gehört zu Letzteren. Schlaflose Nächte habe sie seit der Premiere ihrer Inszenierung von Strauss’ «Salome» im Oktober 2022 an der Opéra Bastille verbracht, weil sie fürchtete, tout Paris halte sie für eine blutrünstige Perverse. In der Tat kamen sich manche Kritikerinnen und Kritiker vor wie in einem Tarantino-Film.

Aber ganz so dramatisch, wie im Interview mit dem Dramaturgen dargestellt, kann es um Steiers Schlaf nicht bestellt gewesen sein, sonst hätte sie ja ihr Negativbild mit der nächsten Produktion an der Bastille übermalen können. Wollte sie aber offensichtlich nicht. Immerhin setzt die Regisseurin in der dreiaktigen Tragédie lyrique «La Vestale» von Gaspare Spontini bildungsbürgerliche Lateinkenntnisse voraus. «Talis est ordo deorum», lesen wir mehrmals auf dem grauen Vorhang: So ist die göttliche Ordnung. Eine Anspielung auf Ciceros Schrift «De natura deorum»? Voltaire soll dieses philosophische, in Dialogform gegossene Werk sehr geschätzt haben. Jedenfalls steht ...

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Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Lotte Thealer

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