Göttliche Gabe, irdische Gewalt
Wenn Frauen Opern über Frauen inszenieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen es ganz anders oder sie erfüllen ihren Dienst am Regietheater noch radikaler als ihre männlichen Kollegen. Lydia Steier gehört zu Letzteren. Schlaflose Nächte habe sie seit der Premiere ihrer Inszenierung von Strauss’ «Salome» im Oktober 2022 an der Opéra Bastille verbracht, weil sie fürchtete, tout Paris halte sie für eine blutrünstige Perverse. In der Tat kamen sich manche Kritikerinnen und Kritiker vor wie in einem Tarantino-Film.
Aber ganz so dramatisch, wie im Interview mit dem Dramaturgen dargestellt, kann es um Steiers Schlaf nicht bestellt gewesen sein, sonst hätte sie ja ihr Negativbild mit der nächsten Produktion an der Bastille übermalen können. Wollte sie aber offensichtlich nicht. Immerhin setzt die Regisseurin in der dreiaktigen Tragédie lyrique «La Vestale» von Gaspare Spontini bildungsbürgerliche Lateinkenntnisse voraus. «Talis est ordo deorum», lesen wir mehrmals auf dem grauen Vorhang: So ist die göttliche Ordnung. Eine Anspielung auf Ciceros Schrift «De natura deorum»? Voltaire soll dieses philosophische, in Dialogform gegossene Werk sehr geschätzt haben. Jedenfalls steht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Lotte Thealer
Ich weiß nicht, wohin ich von hier aus gehen werde, aber ich verspreche, ich werde Sie nicht langweilen», so lautete der mittlerweile ikonische Satz, mit dem David Bowie das Publikum ansprach, nachdem er während des Konzerts im New Yorker Madison Square Garden 50 Kerzen auf seiner Geburtstagstorte ausgeblasen hatte. Und er hielt, was er versprach – das Chamäleon...
Beethovens «Fidelio» mit seinem Nebeneinander von Biedersinn und der Feier des Humanen stellt jede Regie zunächst einmal vor ein generelles Problem. Was tun mit dem widersprüchlichen Werk? Ob die zur Gewohnheit gewordene Lösung dieses Problems durch ein oratorienhaftes Blow up ins Allgemeinmenschliche noch trägt, darf und muss man bezweifeln; zugleich bietet die...
Irgendwann wurde es ihm dann doch zu viel. Die Berge voller Leichen, das Blut, die verstümmelten Körper, das martialische Kriegsgeschrei, dieser unaufhörliche, schauderhafte Schrecken war so unaushaltbar geworden, dass er beschloss zu gehen, irgendwohin. Jedenfalls hinunter von der Bühne, heraus aus dem Theater der Grausamkeit, hinein in ein neues, anderes,...
